Dienstag, 3. Juli 2018

Kirmesleichen





3.LUCYTRÄUME
Ein Sonntagmorgen, den ich eigentlich verpennen wollte. Doch das Handy vibrierte, summte und riss mich aus dem Schlaf. Ich hatte nichts zu versäumen und wollte gleich vom Bett aus an den Mittagstisch rutschen. Maren war bei Tim und Mama wusste, dass ich Ruhe brauchte.
Eine rauchige Frauenstimme ließ mich hochschrecken. So gar nicht die Lucystimme, die ich kannte. „Hey Ron, stecke in argen Schwierigkeiten. Brauche einen ADAC- Abschleppdienst. Ist alles sehr peinlich, aber wahr. Habe einen Wochenendtrip in meine alte Heimat gemacht. Bin irgendwie in schlechte Gesellschaft geraten! Man hat mich bestohlen. Die Brieftasche mit sämtlichen Dokumenten, den Kreditkarten und meinem Bargeld sind weg. Meine Lieblingslederjacke ist auch unauffindbar. Kann nicht einmal die Pension bezahlen und traue mich auch nicht, die Heimfahrt ohne Führerschein anzutreten. SOS!!!“
Bewahre die Ruhe! Die Hauptsache ist doch, dass du ok bist. Werde in etwa drei Stunden mit unserem Pick up in Hamburg sein. Wo finde ich dich?“
„Bin in einer kleinen Pension in der Deichstraße untergeschlüpft. Ganz in der Nähe meines einstigen Elternhauses, eine malerische althamburgische Straße. Du findest mich im „Deichgraf“ Nr.42.“
Ein starker Kaffee und Spiegeleier mit Speck machten mich augenblicklich fit. Rasch bestieg ich mein Fahrzeug, um Lucy zur Hilfe zu eilen.
Besorgnis und Zorn stiegen in mir auf, als die Navistimme verkündete: “Sie haben ihr Ziel erreicht!“
Auf der Rückfahrt forderte ich Aufklärung.  „Wie konnte das nur passieren?“
„Hatte Heimweh! Wollte abschalten und habe mich zum Abendessen  in einen Biker- Club begeben. Der Typ an meinem Tisch machte einen harmlosen Eindruck und wir haben uns ganz nett unterhalten. Bald stellte sich heraus, dass ich in einem übler Schuppen gelandet war, völlig verqualmt vom Zigarettenrauch, der meine Augen zum Brennen brachte. Essen war lauwarm, abgewrackte Gestalten gaben sich ein Stelldichein. Es waren auch Frauen mit von der Partie. Die Musik hämmerte in meinen Ohren. Einige tanzten. Später laberte Paul Dünnschisskomplimente. Wir vergnügten uns mit mehreren Drinks, Martinigemisch, die die Stimmung anheizten. Plötzlich drehte sich in meinem Schädel alles, ich verlor die Gleichgewichtskontrolle und wachte erst in meinem Pensionsbett verkatert wieder auf. Erinnere mich noch, wie ich mich alleine durch die Menge rausgeschlängelt habe. Nehme an, dass der Drink nicht astrein war.“
„Kein Sexabenteuer?“, fragte meine Eifersucht.
„Dazu wäre ich gar nicht mehr in der Lage gewesen!“, antwortete sie beschämt.
„War bereits im hiesigen Polizeirevier und habe Anzeige erstattet.“
Nach diesen Worten erstarb unser Gespräch.
Als ich Lucy nebst Motorrad in Niederorschel abgesetzt hatte, rollte ein Dankeschön über ihre Lippen.
„Es ist gut zu wissen, dass man Freunde hat. Du hast einen Wunsch frei!“
„Wie wäre es, wenn wir die nächste Bikertour gemeinsam unternehmen?“
„Tolle Idee! Bis morgen! Muss mich erst einmal ausschlafen und den erneuten Schock überwinden.“
Aus dieser Frau wurde ich einfach nicht schlau. Sie wechselte die Klamotten wie ihren Lebensstil. Einmal hüllte sie den reizvollen Körper in Leder, ein anderes Mal in Jeansklamotten oder in einen Lady-Look. Ihre Lieblingsfarbe war Rot. Ein Kleidungsstück, Accessoires, wie Schmuck, Schuhe, Tasche, passte sie mit Vorliebe dem Farbton an. Kein Zweifel daran, dass Lucy eine recht individuell geprägte Persönlichkeit darstellte. Obwohl ich sie anregend sinnlich fand, konnte ich nie bei ihr landen. Sie gab keinem von uns eine Chance, ihr Herz zum Beben zu bringen, strahlte eine kalte Leidenschaft aus und bewahrte Distanz.
Inzwischen war es Abend geworden. Maren, Tim und Mama warteten bereits ungeduldig auf meine Rückkehr und hatten Neuigkeiten parat.
„Wir basteln gerade an den Hochzeitsplänen. Ein Junggesellinnen- und Junggesellenabschied müssen sein!“ ,betonte Maren. Dann wurde noch über  Zusammenziehen und die Lokation, in der man die Feier zum Event werden lassen wollte, beraten.
Ich fragte mein Schwesternherz: „Warum hast du es mit einem Mal so eilig, unter die Haube zu kommen. Willst du dich vor dem Frauenmörder, der immer noch unerkannt herumläuft, durch Heirat in Sicherheit bringen?“
„Wenn ich ausgezogen bin, dann hast du endlich genügend Platz, dir auch eine Braut ins Haus zu holen!“, konterte sie.
Auf jeden Fall machte mich diese freudige Botschaft glücklich und lenkte meine Gedanken vom Lucyzwischenfall ab.
Wie mir schien, wurde es immer unruhiger um mich herum. Der Mordfall und Lucy ließen mich nicht los.
Morgen würde ich mehr erfahren, denn da war ich mich mit dem Kripomann verabredet. Wir hatten den Ecktisch im „Schwarzen“ für 20.00 Uhr reserviert.
So mit der Zeit war aus Eigennutz auch Freundschaft geworden. Heute wollte ich mehr über die Ermittlungen erfahren und mit ihm eine Motorradtour klar machen.  Uns bremsten keine Familienpflichten aus, lediglich den beruflichen Aufgaben konnten wir uns nicht entziehen.
Lässig, etwas müde drein lächelnd, betrat Hauptkommissar Jannik die Eckkneipe. Seine sanften Augen suchten mich. Wir schüttelten uns die Hände. Unsere Begrüßung wurde mit neugierigen Mienen und forschenden Blicken bedacht. „Stehst du neuerdings auf Männer?“, bemerkte ein Bekannter im Vorbeigehen. Wir ignorierten ihn und bestellten ein Pils.
„Bei uns ist der Teufel los, seit wir den Mord am Hals haben. So ein scheußliches, undurchsichtiges Verbrechen hatten wir lange nicht zu bearbeiten. Wir schweben nur im Wenn und Aber, manchmal droht mein Kopf vor zu vielen Ideen zu explodieren. Es will einfach nichts so richtig zusammenpassen. Habe heute mit dem Staatsanwalt simuliert, alles uferte im Nichts aus. Bin froh, jetzt abschalten zu können!“
„Prost, auf uns!“, versuchte ich ihn abzulenken.
„Was hältst du davon, mit mir im Juli zum Motorrad Grand Prix Deutschland zu düsen?  Wird bestimmt wieder PS-stark berauschend auf dem Sachsenring werden. Diese Rennmaschinen reißen mich immer wieder vom Hocker!“ „Wenn es mein Dienstplan erlaubt, bin ich dabei!“
Dann quatschten wir über unsere Karren, Land und Leute.
„Kannst mich ja mal am Wochenende in Nordhausen besuchen, seile mich dann zu einer kleinen Spritztour in den Harz ab!“ „Momentan schweben wir in den Hochzeitsvorbereitungen. Man hat halt so seine Verpflichtungen. Bestimmt klappt es ein anderes Mal. Schau, bis bald!“
„Man trifft sich!“
Duderstadt gehört wirklich zu den Perlen des Eichsfeldes, das hatte ich schon bei der Grenzöffnung festgestellt. In der Innenstadt reihen sich mehr als 600 farbenprächtige Fachwerkhäuser aneinander und zwei einzigartige Kirchen krönen die Stadt. Bald würde Maren sich dort ihr Nest bauen.
Vielleicht war es ja auch für mich an der Zeit, über Familienplanung nachzudenken. Seit meine Schwester und Tim die Hochzeitsglocken einläuteten, hatte ich beobachtet, wie Lucy das junge Paar recht neidvoll beäugte. Ob sie wohl darüber nachdachte, das eigene Singledasein auf den Prüfstand zu stellen? An den Männern, die ihr Herz erobern wollten, fehlte es absolut nicht. So einige schickten ihr begehrenswerte Blicke hinterher.
Erst gestern wieder, als Manni einen auf seinen Geburtstag ausgegeben hatte, bin ich in das Bewunderungsfieber geraten, als diese Frau erschien.  Ihre blondleuchtende Mähne, das Figur betonte rote Stretchkleid und die kurze Jeansjacke wirkten magisch auf mich.
Nüchtern, wie ich war, hörte ich meine innere Stimme, die mir befahl: „Schnapp dir dieses Prachtweib! Man muss nicht warten, bis einen die Liebe findet. Packe die Gelegenheit einfach beim Schopfe!“
So wundervoll wie diese Feier und die sternenklare Nacht auch waren, ich fiel um Mitternacht unglücklich müde und unbefriedigt in mein Bett.
„Warum hatte Lucy mich abblitzen lassen? Sie war mein letzter Fahrgast und vieles hätte sich zwischen uns so allmählich entwickeln können. Mein Begehren endete genau wie die bisherigen Polizeiermittlungen im Nichts.
Maren wurde von Tim beschützt, Mama ging bei Dunkelheit nicht mehr aus dem Haus, aber wer passte auf Lucy auf? Mir wurde warm ums Herz, als mir vorschwebte, ihr Geleitschutz geben zu können. Wie hatte meine Schwester doch so schön gesagt: „Ich mache Platz…!“
Als Frau an meiner Seite konnte ich mir die Kumpellady gut ausmalen. In meinem tiefsten Inneren begehrte ich sie schon seit geraumer Zeit. Mein Geist drängte danach, mehr über Lucy zu erfahren. Hatte ihre Seele eine Heimat wie die meine? Hatte sie eine glückliche Kindheit, eine unbefleckte Jugend? Kannte sie ein harmonisches Familienmiteinander?
Mit einem Mal war ich bereit, mein Leben mit ihr zu teilen. Bisher verband uns nur Freundschaft. Wir gingen miteinander um wie gute Kollegen. Wir empfanden füreinander Sympathie und der eine vertraute dem anderen. Wir brachten uns gegenseitig Achtung und Respekt entgegen. Es war diese Art von Beziehung, die ich auch zu den anderen Angestellten hatte. Mein Führungsprinzip unterlag den Regeln: Keiner darf bevorzugt werden! Keine Liebeleien am Arbeitsplatz! Da gab es kaum Raum für Leidenschaft oder Liebschaften. Diese Grundsätze irritierten mich augenblicklich.“ Oft geht das Herz andere Wege, als der Verstand!“,sagte ich zu mir selbst,
Anruf in Duderstadt! „Hey, Schwester, du bist zwar die Jüngere von uns beiden, hast aber mehr Erfahrung als ich im Liebesleben. Würde gerne mit dir über Herzprobleme reden. Hast du Zeit für mich? Es brennt!!!“
„Grüß dich, bin wohl mal wieder deine Notfallnummer. Sag nur, du hast dich  ernsthaft verknallt? Ist ja geil! Kenne ich dein Superweib? Wieso hast du nicht sie angerufen?“ „Momentan ist das noch eine brisante Angelegenheit, die man nicht so einfach ins Mikro hauchen kann. Komm doch heute Abend zu einem Geschwisterkuschelstündchen!“ „Zu Befehl, Boss! Passt gut! Tim ist mal wieder mit seinen Sportfreunden auf dem Tennisplatz. Sagen wir um 19.00 Uhr?“ „Super, du bist doch neben Mama die Frau, mit der ich die bisher längste Beziehung meines Lebens hatte!“ Ihr Lachen beendete das Gespräch.
Maren ging mir oft als Kind oder Teenager mächtig auf den Keks, weil ich zum Animateur bestimmt wurde, wenn unsere Eltern im Geschäftsstress standen.
Aber wir lieben uns, weil wir eben Geschwister sind. So eine Zweisamkeit verläuft nicht immer harmonisch. Man braucht sich, man verkracht sich und verträgt sich wieder. Ich war stets der Ältere, der nachzugeben hatte. Wir zogen mit Federschmuck gemeinsam auf den Kriegspfad, klauten Nachbars Äpfel oder rauchten Friedenspfeife.
Wir lieben beide Nudelauflauf und leiten das elterliche Unternehmen.
Plötzlich ein Geistesblitz! Ich entschloss mich, heute für uns  zu kochen.
Der Duft zog bereits durch das ganze Haus, als Maren die Treppe hochgesprungen kam. „Das  riecht ja super lecker! Zu Hause ist eben zu Hause. Ganz wie früher, wenn wir zwei am Herd experimentiert haben. Du bist ein Bruderschatz. Von solchen Kerlen können doch die Mädel nur träumen!“
Wir schwebten beim Essen in Erinnerungen, an die nur wir uns erinnern konnten und über die nur wir im Stande waren zu lachen.
„Ausgelacht!“, meldete sich Marens Neugierde. Sie ließ sich in unseren alten Schaukelstuhl plumpsen, wippte hoch und runter, schmollend nachdenklich. „Schieß los! Hast du denn endlich den Sinn des Lebens aus Fortpflanzungssicht ins Auge gefasst? Hast du etwa schon Angst vor dem Aussterben? Vielleicht kannst du es ja nicht verkraften, dass ich in Sachen Liebe auf der Überholspur bin. Raus mit der Sprache! Wer hat deine Gefühlswelt ins Schleudern gebracht?“
„Was hältst du von Lucy?“ „Ich glaube es nicht! Da spaziert ihr schon so ein paar Jährchen nebeneinander her und erst jetzt spürst du, dass sie eine tolle Person ist? Aber so leicht wirst du sie nicht einfangen können. Frauen wollen schließlich erobert werden. Äußerlich sexy, innen manchmal Tropfsteinhöhle! Glaubst du, dass sie auf dich gewartet hat?“
„Manchmal schon! Sie spielt mit ihren Reizen und meinen Gefühlen!“ „Sie hat in meiner Gegenwart noch nie von dir geschwärmt.“
„Erzähle mir alles, was du von ihr weißt, ihr seid doch gute Freundinnen!“
„Lucy bricht einfach das Blondinen-Image, ist bildschön, hat ein Superhirn, ist cool und wir beide leisten eigentlich das, was man auch  euch Männern zutraut. Nichts ist ihr peinlich. Für einen guten Spaß legt sie jede Scham ab. Neulich ist ihr mal ein Pups rausgerutscht, da hat sie sich zwischen ihre Beine gebeugt und mit dem eigenen Knackarsch geschimpft!“ Wir brüllten ungewollt ein Lacher in den Raum.
„Ich bewundere sie. Mannpower und Frauengrazie vereint in einer Person. Lucy ist Lucy, immer und überall. Ihr ist vollkommen egal, was andere von ihr denken oder über sie reden. Sie lebt ihr Leben nach ihrem ganz persönlichen Geschmack und macht nicht viele Reden über sich selbst. Neulich gab sie zu, dass sie Flugangst hat und deshalb lieber mit dem Motorrad in den Urlaub düst. In ihren vier Wänden hopst sie locker leger auch mal in Jogginghosen rum, wenn sie vor dem TV abhängt oder im Fitnessstudio powert. Viele steuern ihr Leben im Sinne der Karriere, wollen hoch hinaus, Lucy sucht nur ihre Zufriedenheit!“
„Hat sie außer dir noch enge Freundschaften?“ „Mit Arno und seiner Familie ist sie ab und an zusammen, ansonsten teilt sie ihren Alltag mit uns und ihrer Arbeit. Wie es scheint, hat sie keine Angst vor Einsamkeit und Langeweile.“
„Meinst du nicht, dass aus Kumpelei Liebe werden könnte? Tausendmal berührt, tausendmal ist nichts passiert …!“ „Das klingt ja wie der helle Wahnsinn. Auf diese Idee, Lucy und du ein Paar, wäre ich nicht mal in hundert Jahren gekommen. Schade, dass deine Sexhormone nicht schon früher in diese Richtung gekreist sind. Vielleicht hätten wir ja gar Doppelhochzeit feiern können, so ganz firmenvertraut. Lass dir eine gute Eroberungsstrategie einfallen!“
Wie vom Blitz getroffen, schnellte Maren aus ihrem Schaukelstuhl. „Mama hole den Champagner und komme rauf, dein Sohn hat seine Traumfrau entdeckt!“
Plötzlich hatten beide verwirrend viele Gedanken und Ratschläge für mich parat. Mama begannen die Augen zu funkeln: „Ron, ich wusste, dass du zum Familienmenschen und nicht zum Junggesellen geboren bist. Sage Lucy, was du für sie empfindest, werbe um sie, erobere ihr Herz, setze ihr Schmetterlinge unter die Haut. Jede Frau sehnt sich nach Liebe und einem bodenständigen Partner. Ich mag sie. Das Berufsblau verschafft ihr Respekt und steht für ihr handwerkliches Geschick. Das Ausgehrot spricht für Sinnlichkeit und Selbstbewusstsein. Es gibt diese Frauentypen nur selten. Gemeinsam hättet ihr unendliche Entfaltungsmöglichkeiten. Ehrlich gesagt, ich bin von deiner Wahl angetan. Ein Wunschtraum von Schwiegertochter!“
Maren fuhr fort: „Hast du sie schon mal angebaggert? Zu deiner Geburtstagsfeier war sie dir doch ganz schön nah. Sicher ist, dass meine Freundin in keiner festen Beziehung hängt. Manchmal klebte sie förmlich an mir. Seit ich mit Tim zusammen bin, hält sie mehr Abstand. Vielleicht braucht sie gerade jetzt, wo wir heiraten wollen, jemanden zur Unterhaltung oder gar fürs Herz?“ „Du musst das ja am besten wissen!“
Somit waren die Weichen gestellt. Frauengenehmigt!
„Viel Glück, geh die Sache besonnen an, was wachsen soll, braucht Zeit! Baggere nicht gleich mit der großen Schaufel. Unerschrockene Frauen haben oft eine dünn besaitete Seele!“ Damit war alles gesagt.
In meinen Vorstellungen kam ich ihr immer näher. Diejenige, mit der Lucy die meiste Zeit verbrachte, war sie selbst. Locker befreundet war sie eigentlich mit jedem von uns. Wir fanden sie alle sympathisch und vertrauensvoll. Das Band zwischen ihr und Maren wurde gleich am ersten Tag geknüpft. Unsere Mädels fühlten sich von Frau zu Frau tabuloser. Sie standen sich in vielen Lebenslagen näher. Frauen brauchen eben Freundinnen, um weibliche Geheimnisse zu teilen, hemmungslos zu lachen, verrückte Dinge zu tun. Einmal kamen beide in einem roten Leinenoverall, so ganz nach Lady-Chic, zur Arbeit, um in dieser Männerdomäne aufzutrumpfen.
Meine Fantasien begannen Purzelbäume zu schlagen. Maren, Lucy, Tim und ich wären doch ein geniales Familienunternehmen. Jeder würde für den anderen einstehen und die Kohlen aus dem Höllenfeuer holen. Eine solche Frau war es wert, beschützt zu werden.
Der Zufall kam meinem Wunschdenken zur Hilfe und mir wurde schlagartig bewusst, dass ich den Eroberungsfeldzug hier und jetzt beginnen konnte.
„Hey Ron, du Alleskönner, der Motor meiner BMW singt ein bedenklich klingendes Lied. Könntest du mal nachschauen, woran das liegt?“ „Hallo Lucy, schön von dir zu hören. Bin im Leerlauf, kannst gleich heran rollen. Ich warte auf dich.“
Eine freundschaftliche Umarmung ließ mich ihren Körper spüren, elektrisierender als sonst. Das war Hirnsteuerung!
„Stelle deinen Liebling gleich in die Halle und lass‘ mal den Motor aufheulen! Klingt nach Vergasermacke! Kein Problem! Das kriegen wir schon hin!“
Mit wenigen Handgriffen und technischem Geschick hatten wir den Motor bald wieder im Normaltakt.
„Komm noch für ein Kaffee-Schwätzchen mit in den Garten, wenn du Zeit hast. Erzähle mal von deiner Prag-Tour, war ewig nicht in der Goldenen Stadt. Ich braue uns einen Mokka und du kannst das Geschirr rausholen. Im Kühlschrank findest du noch Mama-Kuchen mit Schokolade!“ „Prima! Den mag ich am liebsten!“
Eilig stellte sie die Kaffeepötte auf den Tisch und ich platzierte mich verkehrt herum auf dem Stuhl, umklammerte die Rückenlehne, atmete tief durch und betrachtete Lucy. Die Gartenluft war frisch, wohltuend, beflügelte Körper und Geist. Ein berauschendes Gefühl machte sich breit. Das lag nicht nur daran, dass wir uns begegneten, sondern auch an den kleinen Dingen des Miteinanders, die mit einem Mal groß an Bedeutung wurden. Etwa wie Lucy lächelte, trotz Abgespanntheit.  Wie sie mich mit ihren leuchtenden Augen musterte. Wie sie mit Lebhaftigkeit von ihrer Fahrt erzählte oder wie sie mich ganz selbstverständlich an sich drückte, wenn sie kam bzw. ging. Während ich simulierte, schloss sie für eine Weile die Augen und genoss die sonnige Entspannung. Wie gerne hätte ich mit meinen Lippen ihren Erdbeermund geküsst.
„Ein wunderschönes Fleckchen Erde hier, Randlage, verkehrsarm, Bergidylle. So einen reizvollen Blick bietet mir mein Opa-Häuschen nicht, nur Hauptstraße und Gartengrün. Seit ich vor zwei Jahren von Hamburg weg bin, ist aus der Wasserpflanze eine Gebirgsziege geworden. Fühle mich aber gut hier und habe in Thüringen mein neues Zuhause entdeckt, wo jedem auch der andere am nächsten ist!“
„Wir sind seit Generationen hier in Heiligenstadt verwurzelt. Eine Frage so ganz nebenbei, vom Sommerwetter inspiriert: Was liegt bei dir am Wochenende an?“ „Ausspannen, exotisch frühstücken, Fitness-Stündchen und faulenzen!“ „Hättest du Spaß an einer Biker-Tour zum Kyffhäuser? Dieses tolle Wetter muss man doch ausnutzen.“ „Die Burg habe ich bisher nur aus der Ferne gesichtet. Hat da nicht der Rotbart regiert?“ „Kaiser Barbarossa sitzt sogar noch auf seinem Thronsessel und wartet bestimmt auch auf uns, genau wie auf die Wiederkehr seines Reiches!“ „Klingt verlockend!“
„Wir starten am Samstag, um 11.00 Uhr, nach dem Ausschlafen, ist das okay?“ Anfangs zögerlich, doch dann erlebnislustig, sagte sie zu. „Hole dich ab und freue mich jetzt schon auf unsere Tour!“ „Danke für die Reparaturhilfe und den Mokka, der hat meine Lebensgeister wieder geweckt.“
Kaum hatte sie ihre letzten Gedanken ausgesprochen, sauste sie auch schon um die Ecke.
Dem Sonnabendmorgen, dem Sonnenaufgang, dem Barbarossakönig und dem Ausflug mit der Trucker-Braut sah ich ungeduldig und erwartungsvoll entgegen. Ich war so aufgewühlt wie in den Kinderjahren, als Weihnachten und mein Geburtstagsfest vor der Tür standen. Minutengenau stoppte ich die Maschine vor Lucys Haustür in Niederorschel. Kaum hatte ich geläutet, schaute mir ein frech wirkender Mädchenkopf aus dem oberen Fenster entgegen. Sie hatte ihre langen blonden Haare zu vielen winzigen Zöpfen geflochten, die bei jeder Drehung um ihren Kopf wirbelten.
„Hallo Ron, es kann gleich losgehen, muss nur noch die BMW aus der Garage holen!“
Ledergestylt ließ sie in weniger als fünf Minuten ihre Maschine aufheulen. „Mir nach!“, schrie ich im Anflug. „Hast ja deinen Rotblitzhelm aufgesetzt, echt toll, damit verliere ich dich bestimmt nicht aus den Augen!“
Vergnüglich düsten wir Richtung Nordhausen, Sondershausen, Berga Kelbra und dann zum Denkmal. Wir hatten eines der wenigen Sommersonnenwochenenden erwischt, das nicht von Regenschauern durchkreuzt wurde. Der wolkenlose Himmel strahlte über uns, so als wollte er das Tor zum Glück öffnen. Ein leichter Windhauch verlieh mir Flügel, Lucy im Schlepptau.
Sagenhaft umwoben und reizvoll war die Landschaft im Naturpark Kyffhäuser, die wir gemütlich durchstreiften. Als wir auf der Turmkuppel des Gebirges das imposante Denkmal erblickten, kam Abenteuerlaune auf. Die  Fahrt glich einer Bergrally, kurvenreich spektakulär. Manche Biker suchten regelrecht den Kick und manövrierten sich durch gefährliche Überholmanöver an uns vorbei. Die Geschwindigkeitsbegrenzung von 50 km/h ignorierend. Ich registrierte im Rückspiegel, dass meine Partnerin einen sicheren Fahrstil hatte und den Risikobogen nicht überspannte. 
Nachdem wir die Motorräder gut gesichert auf dem Parkplatz abgestellt hatten, im Schatten einer Urgroßvaterbuche, durchschritten wir erwartungsfroh das Eingangsportal und entrichteten den Wegezoll.
Lucy sprühte vor Begeisterung. „Warum war ich eigentlich noch nie auf dem Kyffhäuser? Der Berg, eingebettet in den Naturpark, bietet eine gigantische Aussicht vom Harz bis zum Thüringer Wald. Echt grandios!“
„Du warst noch nie hier, weil ich dir den Weg erst zeigen musste. Das kürzlich restaurierte Denkmal ist zum Besuchermagneten geworden. Die im 11. Jahrhundert errichtete Reichsburg zählt zu den größten und stärksten Burganlagen Deutschlands.   Schau dir dieses Getümmel an!“
Vor Ehrfurcht fast erstarrt, starrte meine Begleiterin zum Reiterstandbild Kaiser Wilhelm I. auf.
Wir schlenderten lässig und froh gestimmt an den bunten Menschentrauben vorbei und verharrten vor dem gewaltig mächtigen Rotbart Barbarossa, überdimensional in Stein gemeißelt.
Vor dem Burgbrunnen waren bemerkenswert  viele Touristen versammelt, von der Magie angezogen. „Wirf einen Münzstein in das Brunnenloch, es ist das welttiefste dieser Art. Bis er unten eintaucht, musst du dir etwas gewünscht haben. Wenn sich das Wasserloch verdunkelt, haben die Brunnengeister dein Begehren aufgenommen!“ „Nun muss ich aber lachen, das klingt ja wie im Märchen.“ „Alles was hier einmal war, ist für uns doch märchenhaft.“
Danach strömten die Besucher in alle Richtungen, zum Herrschersitz, zur Ausstellung, in das Museum oder in das Wappensaalrestaurant.
Zum Abschluss erklommen wir die 247 Stufen zur Aussichtsplattform. Kulturbefriedigt entschlossen wir uns, am Stausee Hohenfelden einzukehren.
Im Ferientrubel fanden wir am Badestrand ein idyllisches Plätzchen, an dem wir einen Bratwurstimbiss mit Kartoffelsalat, deftig schmackhaft, einnahmen. Gesättigt und guter Dinge ließen wir uns unbeschwert ins Gras fallen, klappten die Augenlider runter und tauchten in das Wochenendvergnügen ein, das uns von allen Seiten entgegen lachte. „Endlich Badewetter! Endlich Sommerwärme! Endlich Seelenbaumeln!“,frohlockte ich.
An Lucys Seite zu liegen schreckte meine Gefühle erneut auf, ich spürte Wärme überall, ein Kribbeln im Bauch, Schmetterlingsflügel im Herzen und ihre Erdbeersüße auf meinen Lippen. Angriffslustig zog ich sie hoch.
„Lass uns einen kleinen Spaziergang zum Campingplatz machen, sonst fange ich unter meiner Ledermontur noch an überzukochen!“ Ohne Einwand ließ sie zu, dass ich ihre Hand fasste und die Führung übernahm. Meine Blicke und Gedanken blieben an ihr haften. Diese Frau wirkte in jedem Look anziehend. Heute kam sie mir romantisch und verspielt vor mit den Wipp-Zöpfchen, so richtig zum Anbeißen. Ich ließ es vorerst aber beim Händchenhalten.
„Ein Campingurlaub wäre sicher auch recht abenteuerlich. Vielleicht könnten wir ja mal an diesem Ort die Zweisamkeit feiern. Wenn man auf den Luxus verzichtet und die Natur zum Lebenszentrum macht, kann das schon recht erholsam werden.“
„Lieber nicht! Bei der nächsten passenden Gelegenheit unternehme ich mit dir eher eine kurvenreiche Harzreise, da kannst du mich in die Barbarossahöhle entführen. Zu viel Nähe mag ich nicht!“
Auf dem Rückweg zum Stauseeparkplatz blieben wir sinnend am Uferrand hocken. Lucy kreuzte die Beine unter sich und zündete sich in entspannter Haltung die Genuss-Zigarette an, blies mir, inzwischen Nichtraucher, den Qualm um die Nase, als wolle sie mich umnebeln. Nun wurden wir beide vom Rauch umflutet, der uns in eine Traumwelt fortriss.
„Warum lebst du eigentlich mit keinem Mann zusammen, wo du doch eine Klassefrau bist? Macht Alleinsein nicht manchmal auch einsam?“
Bevor sie antwortete, sog sie die frische Tagesluft ganz tief ein, um sich für eine ehrliche Antwort stark zu machen. „Mir geht es gut, ich bin zufrieden. In meinem Arbeitsalltag finde ich Erfüllung. Das genügt mir. Ich habe gelernt, meine eigenen Glücksprioritäten zu setzen. Wenn ich mich mit allen Sinnen lebendig fühle, dann lebe ich, genauso, wie ich es mag. Ungebunden zu sein, bedeutet Unabhängigkeit, Freiheit und ein geringes Maß an Risikobereitschaft.“
Damit hatte sie mir ihren Standpunkt klar gemacht, der so gar nicht in meine Zukunftspläne passte. Gefühlsmäßig war ich nah an ihr dran, verstandsmäßig jedoch weit entfernt von ihrer Lebensphilosophie.
Die Zweisamkeit brachte uns dennoch Erfüllung und so landeten wir in meinem Gartenstraßenbett, wo sich unsere Körper suchten, abtasteten und fanden, während sich die Gefühle vereinten. Ich spürte in dieser ersten Nacht, dass Lucy auf keine feste Intimbeziehung aus war. Ihr Höhepunkt war nicht der meine. Diese Leidenschaft, die sie mir zeigte, fühlte sich irgendwie kalt an. Mit Liebe hatte das nur wenig zu tun. Für sie war alles nur ein körperlicher Akt.
„Guten Morgen du Schöne, was darf ich dir zum Frühstück servieren?“ Sie blinzelte sichtlich irritiert in den hellen Vormittag. Ihre Augen schienen zu erschrecken, als sie meinen nackten Körper erblickte. „Es war keine aufregende, aber eine hoffnungsvolle Nacht mit dir gewesen. Danke!“
Lucy stemmte sich hoch, lehnte sich in die Kissen und fragte zögerlich: „Was soll das hier mit uns beiden? Bin ich etwa freiwillig in dein Bett gestolpert? Muss aus lauter Übermut und Gefühlsduselei passiert sein. Entschuldige!“
Jetzt machte sie eine ausladende Geste, wobei sie sich automatisch die Bettdecke über die bloße Haut zog. Offensichtlich konnte sie ihre Nacktheit im hellen Tageslicht nicht so ausleben wie ich. Hatte sie ein Natürlichkeitsdefizit? War ihr die Situation peinlich?
„Ihr Thüringer seid ein gastfreundliches Volk, das Freunde wie Familienmitglieder herzlich aufnimmt.“
Sollte das ein Erklärungsversuch sein? Er stimmte mich recht nachdenklich. Lucy beeilte sich, die Motorradkluft raffend, ins Bad zu kommen. Wenig später stand sie entschlossen vor mir. „Sorry Ron, muss wohl schwach geworden sein. Die Hitze hat uns sicher etwas kopflos gemacht. Tschüss bis Montag!“ Dann nahm sie der Morgenwind mit sich fort.
Mein Glücksrad drehte sich plötzlich rückwärts. Meine Hände klammerten sich an der Tischkante fest, die Fassung suchend. Ich säuselte vor mich hin, in den leeren Raum: „Entschuldige, dass ich die Zeichen deiner Zuneigung falsch gedeutet habe! Entschuldige, dass ich meinen Gefühlen Raum gegeben habe! Entschuldige, dass ich dich liebe!“
Sie war bereits auf dem Fluchtweg, als ich immer noch im Schlafzimmer herum stolperte, orientierungslos, fassungslos, zutiefst entehrt. Der Himmel war klarer, als meine Beziehung zu Lucy. Die Sonne funkelte heller, als ihre Abschiedsaugen. Ich hatte den Kampf um sie verloren, bevor er überhaupt so richtig begonnen hatte. Wenn man einen Menschen liebt, dann lässt man ihn gelten, so wie er ist und wie er sein will. Somit ließ ich Lucy wieder in die Kumpelklamotten rutschen. Wenigstens konnte ich mich noch über das Liebesglück von Maren und Tim freuen.
Eine Woche nach dieser Abfuhr überfiel mich ein ominöser Traum. Ich spazierte locker, glücklich verliebt mit Lucy, Hand in Hand am Meer entlang. Zukunftsvisionen besetzten uns. „Sag mal Schatz, wie viel Kinder wünschst du dir eigentlich? Es wird Zeit für die Familienplanung, sonst sterben die Hausers noch aus!“ „Mit einem Nachkömmling wäre ich schon zufrieden, denn die Mutterrolle auf Lebzeit liegt mir nicht.“ „Ach, sei doch nicht so genügsam. Mit dir will ich mindestens drei Sprösslinge haben, alle mit Blondschopf und Erdbeermund!“
Plötzlich riss sie sich los und sauste geradewegs auf die herannahenden Wellen zu. „Fang mich, wenn du kannst!“ Fasziniert von ihrer Grazie, nahm ich scherzhaft die Verfolgung auf. Die Flut kämpfte sich immer weiter zum Land vor mit schnaubenden Wellenkämmen. „Komm zurück, ein Ebenbild von dir würde mir ja schon genügen!“ In meiner Freude und Ausgelassenheit schien ich gar nicht zu bemerken, dass die Wellen über sie hinauswuchsen. Das blanke Entsetzen ins Antlitz gemeißelt, schrie ich ihr nach: „Bleibe stehen, ich bin gleich bei dir und rette dich!“ Meine Stimme erstarb und ihre Gestalt verblasste. „Du schaffst es nicht, sie zu halten!“, hämmerte es in meinem Schädel.
Dieser Tragödientraum ließ mich in der besagten Nacht keinen Schlaf mehr finden. Müde und deprimiert wälzte ich mich in der seidigen Bettwäsche hin und her, bis der Morgen den schwarzen Vorhang schloss und mich in die reale Welt zurückholte.
„Glück ist etwas, was man geben kann, ohne es zu haben.“, wusste schon Ricarda Huch (1864-1047).
Frauen wie sie schienen einer besonderen Spezies anzugehören. Beziehungen im Job funktionieren selten auf Dauer. Manchmal ticken weibliche Wesen auch gegen die Liebesuhr. Wenn Mann und Frau zusammen arbeiten, gibt es immer erotische Berührungspunkte. Mit derartigen Argumenten versuchte ich, mir meine Niederlage bei Lucy zu erklären. Mir kamen Zweifel auf, ob sie überhaupt die Bestimmung für eine Frau zum Heiraten hatte. Jedenfalls war es mir gelungen, in ihre Gefühlswelt einzudringen.


Donnerstag, 14. Juni 2018

Kirmesleichen

Fotostudio Drost
Fotostudio Drost

2. ERMITTLUNGEN ENDEN IM NICHS
Im Polizeipräsidium angekommen, ohne jegliche Spaßspuren auf den Wangen, wurde uns mitgeteilt, dass die Landespolizeiinspektion Nordhausen (LKA), die für unseren Bereich zuständig ist, sich mit eingeschaltet hatte. So hoffte man, die Ermittlungen mit vereinten Kräften beschleunigen zu können. Hauptkommissar Götz, Ina Richter und Ben Winkler, mit denen wir schon Nachtbekanntschaft gemacht hatten, erwarteten uns bereits mit Ungeduld. Sie schauten so aus, als hätten sie sich in ihren Amtsstuben die ganze Nacht an der Kaffeetasse festgehalten, die noch an ihren Fingern klebte. Völlig abgespannt und übermüdet traten sie uns entgegen.
„Guten Tag, danke dass Sie erschienen sind. Wir werdenjeden einzeln befragen, bitte warten Sie, bis man Sie aufruft.“
Ich ließ mich neben Lucy in den Stuhl plumpsen. „Hey, Truckerlady, bist du wieder okay und hast du dich inzwischen ausgereihert?“ Ein gedehntes „Ja!“ sprang über ihre Lippen, die gestern noch wundervoll geschminkt lachten. „Schaust aber immer noch wie ein Käsekuchen mit Mund- und Augenrosinen aus!“ Mit ihrem Schweigen erteilte sie mir eine klare Abfuhr.
Beleidigt rückte ich zu unserem Fabian rüber. „Mensch Junge, so beherzt wie du gestern Erste Hilfe geleistet hast, hätte nicht jeder reagieren können. Echt tapfer von dir! Respekt!“ Er blickte mit großen grünen Augen auf mich. „Ist doch Bürgerpflicht!“
Nach diesen kurzen Gesprächen liefen wir ungewollt in verschiedene Richtungen, lediglich Maren und Tim klammerten noch aneinander. Es war schwer auszumachen, wer bei wem Halt suchte.
Unsere Personaldaten wurden noch einmal abgeglichen. Die Fragen waren identisch. „Haben Sie relevante Beobachtungen gemacht, die Ihnen in der letzten Nacht  noch unwichtig erschienen? Wer war zuerst am Tatort? Wo hielten Sie sich genau zum Tatzeitpunkt auf? Sind Sie vorbestraft?“
Hauptkommissar Jannik Götz stellte uns zum Abschluss das Ermittlerteam vor. „Meine beiden Kollegen Richter und Winkler kennen Sie bereits Das LKA hat uns noch Oberkommissar Leo Kox zur Unterstützung geschickt. Sie können sich jederzeit an uns wenden, wenn bei Ihnen noch wichtige Hinweise aufflackern. In erster Linie geht es uns darum, die Personalien der Frau zu ermitteln. Die Vermisstenmeldung an die Medien ist bereits vor einer Stunde rausgegangen. Unsere Beamten durchkämmen die Nachbarschaft und schicken Streifenpolizisten von Tür zu Tür entlang der Stadtmauerwohnungen. Wir brauchen Anhaltspunkte. Keiner ist ein Niemand! Jeder hat eine Identität.
Danke für Ihre Aussagen, bitte lesen Sie sich die Protokolle noch einmal durch und bestätigen Sie die Angaben mit Ihrer Unterschrift. Das war’s dann für heute. Es kann aber durchaus passieren, dass wir Ihre Hilfe noch einmal benötigen, denn die kriminaltechnischen Untersuchungen dauern ebenfalls noch an. In den vorläufigen Pathologiebericht haben wir lediglich Einsicht genommen. Wir erhielten die Bestätigung dafür, dass es sich um ein Tötungsdelikt handelt. Es liegen nachweisbare Spuren von Gewaltanwendung vor. Man kann aber davon ausgehen, dass es sowohl ein Raubmord, als auch eine Tat mit sexuellem Hintergrund gewesen sein könnte. Der Todeszeitpunkt ist um Mitternacht anzunehmen. Der Fundort hat sich als Tatort bestätigt.
Warum erzähle ich Ihnen wohl diese Details? Momentan haben wir nur sehr wenig Anhaltspunkte und Spuren. Da es sich definitiv um einen Mordfall handelt, muss es auch einen Mörder geben, genau diesen werden wir ermitteln. Dabei sind wir auf jeden Hinweis von Beteiligten angewiesen.
Versuchen Sie, Ihren Alltag wieder aufzunehmen. Danke für das kooperative Verhalten. Auf Wiedersehen!“
Aufgewühlten Gemüts und pochenden Herzens gingen wir auseinander, so, als wollte jeder vom fliehen.
Tags darauf erschreckten zwei Zeitungsmeldungen die Menschen in Thüringer und wahrscheinlich auch die Leser vielerorts in Deutschland. Überregional wurde von einer Kirmesleiche in Heiligenstadt / Thüringen berichtet und es erschien eine Fahndungsmeldung mit dem Foto des Opfers.
LKA Thüringen, Heiligenstadt
FAHNDUNG: „Unbekannte Tote wurde nach dem Kirmesvergnügen am Pfingstmontag in Heiligenstadt aufgefunden. Die Person ist zwischen 23 und 30 Jahre alt, hat eine schlanke, aber frauliche Figur, mittellange schwarze Haare und einen dunklen Teint. Sie trug zum Tatzeitpunkt ein olivgrünes Ballonkleid, schwarze Leggins und Pumps. Auffallend waren der leuchtend rote Lippenstift sowie das dazu passende Schaltuch. Die Frau hatte weder Handtasche noch Papiere bei sich. Wer kann Angaben zu der abgelichteten Person machen? Wer kennt oder vermisst das Opfer? Meldungen nehmen sämtliche Polizeidienststellen entgegen!“
Das Foto zeigte das Gesicht der Unbekannten in einem normalen Zustand. Wir hatten sie leicht zerzaust und lippenstiftverwischt vorgefunden.
Nun war die sonst so angenehme Ruhe, die über unserem idyllischen Städtchen lag, auf einmal wie zerrissen. Es wurde getuschelt, geklatscht und individuell ermittelt. Jeder stellte so seine Vermutungen an und tat so, als würde ihm dazu etwas einfallen. Eins stand für die kleinbürgerlich denkende Stadtgesellschaft fest: Opfer und auch Täter waren keine von hier! Weil niemand die Tote zu kennen schien und man dem ach so netten und redlichen Mitbürger keinen Gewaltmord anhaftete, kam nur ein Fremder in Betracht.
Die meisten angeblichen Zeugenaussagen erwiesen sich als ein Sich-in-Szene-Setzen.
Mittwoch, im Laufe des Vormittages, rief mich mein fast Schwager Tim aus Duderstadt an. „Hallo Ron, wie geht es dir, die Gefühlswelt wieder im Lot? Schließlich sollte es dein Freudentag werden. Kaum zu glauben, aber wahr, was da zum Kirchweihfest Unchristliches vorgefallen ist und das in eurem päpstlich gesegneten Thüringen! Manchmal versteht man die Welt einfach nicht mehr! Du kennst die Mädels und Jungen aus der Firma privat doch besser als unsereins. Sicher kannst auch du dir nicht vorstellen, dass einer von uns etwas mit dem Mord zu tun hat.“ „Ich bin mir da sogar ganz sicher. Wir haben nichts zu befürchten.“
„Richte Maren bitte aus, dass ich sie in einer halben Stunde abhole!“ „Mache ich!“
„Nach dem plötzlichen Schlaganfalltod meines Vaters standen Mutter, Maren und ich unentschlossen vor dem Familienbesitz in dritter Generation. Aufgebaut wurde die Firma „Hauser Farb-und Fassadenprofis“ von Urgroßvater August, der damals die Malerwerkstatt gründete. Heute ist daraus ein modernes Unternehmen geworden. Ein Team mit sechs Leuten, Mama im Büro, Maren im Kreativbereich und ich sorge für die Auftragslage. Wir sind leistungsstark, zuverlässig und lesen den Kunden die Wünsche von den Augen ab. Unsere weißen Westen konnte die Kripo nicht schwärzen, das stand fest!“, schoss es mir durch den Kopf.
Genau um 14.00 Uhr betraten wir das Büro von Hauptkommissar Götz, in dem auch Kox auf uns lauerte. Ein Dr. Leo Süß wurde uns als Staatsanwalt des Falles vorgestellt.
„Guten Tag, Ihr Erscheinen wird uns hoffentlich helfen, etwas Licht in das Dunkel der Ermittlungen zu bringen, in dem wir leider noch tappen. Uns ist es jetzt erst einmal wichtig, die Tatverdachtsfrage zu klären, damit wir ausschließen können, dass Sie bzw. ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weiterhin zum Kreise der von Amts wegen tatverdächtigen Personen zählen. Für uns ist zu Beginn eines Falles erst einmal jeder in Verdacht, der mit der Leiche zu tun hatte bzw. am Tatort war!“
Kox hockte auf der Rückenlehne von einem der Stühle in lässiger Haltung, als er redete. Götz saß an seinem Schreibtisch, die Hände seitlich an den Kopf gelegt, so als würde seine Denkmaschine auf Hochtouren arbeiten. Der Vertreter der Staatsanwaltschaft massierte sich die Schläfen, weil diese anonyme Tote auch ihm Kopfzerbrechen bereitete. Was für Schritte konnte man schon unternehmen, wenn man nicht einmal wusste, auf welchem Wege man sich befand. Dr. Süß hatte einen Schreibblock und einen Kugelschreiber vor sich liegen, begierig darauf, Fakten aus uns rauszuholen. Der Raum war klein und weiß getüncht, genauso leblos wie die Frauenleiche, wegen der wir anwesend waren.
„Unsere bisherigen Untersuchungen haben ergeben, dass die Person erwürgt wurde. Durch das Zusammendrücken des Halses mit einem Schaltuch, das wir am Körper der Frau fanden, leider ohne Spuren. Sie ist regelrecht erstickt worden. Der Täter muss Handschuhe getragen haben. Würgemale am Hals und der Bruch des Zungenbeins sind der Beweis für die Todesursache. Wir gehen davon aus, dass der Mörder männlich ist. Die Würgestreifen liegen tief, was von einem Kraftakt zeugt. Frauenhände können kaum eine derartige Spur hinterlassen.
Da die Tote nur billigen Modeschmuck trug, glauben wir, dass auch in ihren Taschen nichts außerordentlich Wertvolles steckte, d.h. Raubmord wäre abwegig. Ein Suizid durch Erwürgen ist unmöglich, einfach nicht praktikabel. Minimale Hautabschürfungen und leichte Kratzerverletzungen lassen auf Gegenwehr schließen. Wir haben es also mit einem Gewaltverbrechen zu tun, begangen von einem Mann, wahrscheinlich mit sexuellen Absichten. Aus diesen eben aufgeführten Gründen müssen wir die Alibis sämtlicher Zeugen genauestens überprüfen. Dazu brauchen wir Ihre Mitarbeit.“
Innerlich erneut in Entsetzen geraten, mit fassungsloser Miene, begannen wir auf unseren Stühlen hin und her zu rutschen.“
„Ein furchtbarer Fall, der viel Unruhe verbreiten wird. Da gibt es eine Mutter, die nicht einmal weiß, dass man ihr Kind grausam getötet hat. Andere Frauen bangen von nun an um ihre Töchter, die im Dunkel der Nacht unterwegs sind. Manche trauen sich vielleicht abends gar nicht mehr alleine auf die Straße. Soweit darf es nicht kommen. Wir müssen für Sicherheit sorgen, das heißt wiederum, den Täter schnellstens überführen!“, mahnte Kox unser Gewissen.
Mich anvisierend ließ Jannik verlauten: „Deshalb sind wir auf Ihre Ehrlichkeit und Mithilfe angewiesen. Scheuen Sie sich nicht davor, irgendwelche Bedenken auszuspucken. Reden Sie über alles und jeden, der Ihnen Kopfzerbrechen bereitet. Dann können wir immer noch festlegen, was davon ins Protokoll kommt und was nicht. Hätte jemand von ihren Angestellten ein Motiv haben können? Trauen Sie einem der Männer diese Tat zu? Gibt es bestimmte Lebensumstände, die jemanden zum Gewaltverbrecher werden lassen könnten? Neigt einer der Leute zur Gewalt oder hat jemand ein besonders abwechslungsreiches Sexualleben? Alle diese Fragen interessieren uns brennend.“
Nun wurden wir erbarmungslos und ganz persönlich ins Verhör genommen. Vox entführte Klaus und Götz nahm mich ins Visier der Ermittlungen.
„Herr Richter, ich möchte Sie zuerst für das Vernehmungsprotokoll fragen, wo Sie sich in der Nacht vom 28. zum 29. Mai 2016 zwischen 23.30 Uhr und 0.30 Uhr aufgehalten haben.“ Die Antwort hatte ich mir schon zurechtgelegt“  
„Auf der Spaßmeile! Brauhausplatz!  Als auf dem Klausberg nur noch gedrängelt und geschubst wurde, die neu restaurierte Kirche Pinkeltaufe bekam, die Bierbestellung immer länger dauerte und wir von Mal zu Mal unternehmungslustiger wurden, suchten wir auf dem Rummelplatz Showvergnügen. Der einzige, der sitzen geblieben ist, war Manni.
Als wir uns dort in das Kirmesgetümmel stürzten, schlug uns ein höllischer Lärm entgegen. Flackernde bunte Lichterketten brachten uns ins Schweben und wir begannen, uns von den Lockrufen der Schausteller einfangen zu lassen. Rasch kauften wir uns zu zweit, zu dritt oder wie Fabian alleine, Spaßkarten. Die Mitternachtsparty tobte. Eine ganze Zeit später vermissten wir David, der sich, wie sich danach herausstellte, zum Flirten abgesetzt hatten. Der Jüngste in unserer Truppe, Fabian, meldete sich vorzeitig ab, weil er unbedingt noch ein Eierkettensouvenir ergattern wollte. Lucy traf eine Bekannte, mit der sie sich zum Schwatz absetzte. Maren, Tim und ich schlenderten gemeinsam durch das Kirmesvergnügen. Kurz vor zwei Uhr waren wir dann wieder am Klausberg vereint, wo ich das Partyende für angebracht hielt. Ich bestellte den Taxibus und wir zogen gemeinsam zum Treffpunkt obere Wilhelmstraße. Auf dem Weg dorthin erschreckten Maren und Tim zuerst vor der leblosen Frauengestalt, die in einer Stadtmauernische kauerte. Danach nahm die Polizei das Geschehen unter Kontrolle. Für meine Truppe  verbürge ich mich. Von denen wäre niemand zum Morden fähig gewesen. Wann denn auch?“
„Darf ich das alles im Protokoll vermerken?“ „Aber selbstverständlich!  Da ich mich für die Geburtstagsgäste verantwortlich fühlte, habe ich mehr mit gespaßt als getrunken!“ „Danke für Ihre Aussage, wir überprüfen das!“
Ich wurde entlassen, fühlte mich aber längst noch nicht befreit!
„Die Zeit bleibt niemals stehen und das Leben nimmt unaufhaltsam seinen Lauf, in glücklichen wie in trübsinnigen Tagen.“, verkündete mir mein Bewusstsein.
Die Pfingstferien gingen dahin, und wir nahmen unsere Arbeit in der Firma wieder auf. Lediglich Maren und Tim hatten sich eine Auszeit genommen, um Hochzeitspläne zu schmieden.
Kaum hatte ich mir ein Kaffeepäuschen  gegönnt, hielten mich zwei Gedankengänge der Kripoleute wiederholt gefangen und klangen in meinen Hörmuscheln. „Wem trauen Sie einen Mord zu? Wer hätte ein Motiv gehabt?“ Ich verfügte über kein kriminelles Superhirn, weil ich nur selten zum Unterhaltungsroman griff oder mir einen Krimi reinzog. Bikerzeitschriften gehörten zu meiner Monatslektüre.
Ganz plötzlich drängte es mich an die frische Luft, weil mir das lockere Durchatmen mit einem Mal schwer fiel, Herzbeklemmung machte sich breit. Um den Kopf frei zu bekommen, schwang ich mich auf das Motorrad, ließ mir Sonne, Wind und Regentropfen im Gesicht herumtanzen und suchte das Gefühl der Zufriedenheit, das ich am ehesten in der freien Natur fand, mal als Raser, mal als Genießer.
In den Wintermonaten bastelte ich an meiner Karre rum. Es gab immer ein Teil nachzurüsten oder auszuwechseln. Manchmal tourte ich auch mit einer hübschen Braut durch die Gegend, aber es gab da keine Dauerpuppe. Frauen kosten viel Zeit, Geld und Feingefühl, wie ich von Maren wusste. Mit Gewalt musste ich mir keine nehmen. Definitiv stand hundertfünfzigprozentig fest, dass ich nicht der Täter war.
        Meine Mörder- und Verdächtigungsanalyse schweifte weiter zu Manni, dem Ruhepol in unsrer Firma. Eigentlich hatte man ihn auf den Namen Manfred getauft, aber aufgrund seiner fast 140 kg Körpermasse, die er auf die Waage brachte, hatten wir ihm ganz freundschaftlich einen Spitznamen verpasst. Der Bär von einem Mann war ein echter Haudegen, der vor nichts und niemandem zurückschreckte, es sei denn, eine Uniform stoppte ihn. Er packte überall mit an, schlichtete so manchen Streit und liebte sein Feierabendbierchen, ein gutes Essen, den Fernsehapparat und das Hotel Mama. Er galt als gemütlich, gewissenhaft und ehrlich. Manni war eine Seele von Mensch und hatte das Herz am rechten Fleck. Nicht einmal eine Spinne hätte er zertreten können. Statt ein Leben auf der Überholspur zu führen, kehrte er den In-sich-Ruhenden heraus. Mit dem Profil einer Eiche und dem Wohlwollen eines Samariters konnte er keinem etwas zuleide tun. Seine beiden Hände umschlossen zum Tatzeitpunkt lediglich den Kirmesschoppen, keinesfalls einen zarten Frauenhals. Für ihn würde  ich sogar bürgen.
„David ein Frauenmörder, das klang utopisch. Er war überglücklich verheiratet, stolz auf seine zwei Söhne und liebte die Familie mehr als den Beruf. War er unterwegs, lachte ihn das Foto von seiner Frau und den Kindern überall an. War er zu Hause, verbrachte er jede freie Minute mit seinen Lieben. An diesem Kirmestag hat er ein Wenig geschäkert, na und? Alkohol lockert das Gemüt!  Außerdem waren die Kolleginnen und Kumpels fast immer an seiner Seite. Er wohnte im gleichen Ort wie Lucy, hatte sie am Anfang als neue Nachbarin zu sich eingeladen und ihr auch später den Job in unserer Firma vermittelt. Obwohl die Neue ein Rasseweib war, hatte er sie nie mit begehrenswerten Blicken beäugt. In diesem Familienvater schlummerte nichts Böses, dessen war ich mir gewiss und schon gar kein Mörder.
Fabian, ein Neuling in jeder Hinsicht, unerfahren im Berufsalltag, war noch auf der Suche nach sich selbst. Er hatte ein Kunststudium abgebrochen, weil ihm die Kohle fehlte. Nun wollte er sich als Handwerker ausbilden lassen und hoffte, seine künstlerische Ader weiterhin in Szene setzen zu können. Mit seinen genialen Gestaltungsideen bereicherte er meine Angebotspalette.
Unser Jüngster war stets auf Hochfrequenz und für die Liebe schon ganz schön reif. Seine familiäre Lebenssituation schien inzwischen zum Dorfskandal in der kaum 300-Seelen-Gemeinde Wahlhauen geworden zu sein, weil er glücklich und unverblümt mit seinem Freund Jonny die Wohnung im elterlichen Haus teilte. Ohne große Worte über diese Beziehung zu verlieren, wurde er uns ein sympathischer Kollege. Die Annahme, dieser schwule Junge könnte zum Gewalttäter werden, war einfach absurd. Er hätte es lediglich gewagt, unbemerkt Eiergirlanden mitgehen zu lassen. Nur aus diesem Grund hatte er sich in der Leichenfundnacht früher auf den Weg gemacht. Auch dieses Täterprofil war gegensätzlich.
Tim, der Duderstädter, gehörte seit zwei Jahren schon ein Bisschen zur Familie. Er hatte seine Jugend ausgekostet und sich beruflich selbständig gemacht, indem er die Autolackierwerkstatt seines Vaters übernahm. Mein zukünftiger Schwager liebte sportliche und schnelle Autos mit viel PS, trendige Klamotten und Rockmusik. Ihm fehlte es an nichts und ich war überzeugt davon, dass er aus Handwerkerholz geschnitzt war. Es schaut so aus, als hätte er mit Maren die Frau seiner Träume gefunden. Beide hatten am besagten Kirmesmontag sowohl der Geselligkeit als auch ihrer Liebe die Zeit geschenkt. Aneinander angelehnt, Händchen haltend, eng umschlungen, im Kuss vereint, so waren sie unzertrennlich. Der eine ließ den anderen nicht mal aus den Augen – Fazit: Unschuldig!
Das Sahnehäubchen in unserer Gemeinschaft waren Maren und Lucy, ausgestattet mit fachlichen und fraulichen Kompetenzen, so tatkräftig wie verführerisch. Seit Lucy bei uns arbeitete, fühlte sich meine Schwester glücklicher und selbstsicherer. Weibliche Verstärkung zu haben hieß, der Männerdomäne doppelt Paroli bieten zu können. Zwischen den beiden Frauen entwickelte sich eine enge Freundschaft, die durch die Heiratsabsichten von Maren und Tim  ins Schweben gerieten. Die Abende, die Maren sonst mit ihrer Kollegin verbrachte, gehörten jetzt Tim. Vielleicht sollte ich mich ja dieser Frau annehmen, sie war ein begehrenswertes Wesen, mal rockig und mal klassisch, mal elegant und mal recht sexy. Die meiste Zeit aber versteckte sie ihren Knackarsch in Jens oder Overall.
Lucy war pflichtbewusst und zuverlässig. In der Arbeit gipfelte ihr halbes Leben, wie mir schien. Es hatte sie aus familiären Gründen in unsere Gegend verschlagen, was sie mit Schicksal kommentierte. Dies musste ein sehr harter Schicksalsschlag gewesen sein, weil sie bisher mit niemandem darüber geredet hatte. Sie bewohnte das kleine Bauernhaus ihres Großvaters in Niederorschel. Selbst nach drei Jahren baute puzzelte und gestaltete sie noch an diesem Anwesen herum. Dank der Nachbarschaft und Freundschaft zu Davids Familie hatte sie sich gut eingelebt.
Entspannung und Zufriedenheit suchte sie an den Wochenende auf ihrer BMW oder im Fitnessstudio, dass sie sich in ihrem Opahaus eingerichtet hatte. Dort powerte sie oft mit Maren um die Wette. Hatte sie einen Grund, ihr neu erworbenes Glück auf den Kopf zu stellen? Sicher nicht!.
Damit war für mich die Beweisaufnahme abgeschlossen. Ich hätte einen Eid darauf schwören können, dass der Mörder in keinster Weise in unserer Mitte zu finden war. Jetzt galt es, die Kriminalbeamten von meinen Recherchen zu überzeugen.
Meine Aussage: „Wir waren gemeinsam auf einer recht gemütlichen und traditionellen Geburtstags-, Jubiläums- und Kirmesfeier, sind dieser Frau, die wir entdeckt haben, noch nie begegnet, sind rechtschaffene Bundesbürger und jeder kann sozusagen jedem ein Alibi geben.“
Nun oblag es der Kripo, dem Täter auf die Spur zu kommen. Diese Leute waren bestens geschult, Mordrätsel zu lösen.
Der Kirmesmordfall schockte ganz Thüringen. Wie konnte jemand das schönste Volksfest des Jahres, an dem mit Gesang, Umzug und Tanz gefeiert wurde, zum „Eventfriedhof“ werden lassen? Wie konnte jemand das Bild dieser reizvollen Kleinstadt mit Marktplatz, verträumten Gassen, einer Einkaufsmeile, alten Kirchenprachtbauten und idyllischen Winkeln mit Blut beflecken? Alles Einladende, Heimische, Sehenswerte und Vertraute wirkte plötzlich beängstigend und verwandelte sich in eine Gefahrenzone. Unbehagen, Misstrauen und Fassungslosigkeit schwebten über unserer Stadt, wo jeder jeden Zweiten kannte, ihn schätzte, ihm vertraute und keinem etwas Böses zutraute. Die Gesichter der Einwohner hatten sich seit dem Unglücksfall bleich und grimmig gefärbt. Das Wort Mord im Stadt- und Klatschgespräch hörte sich wie Unheil an, das im Widerspruch zur Kirmesmusik stand. Sogar der Herr Bürgermeister schaltete sich ein und versicherte, den Aufklärungsfall mit voranzutreiben. Gleichzeitig appellierte er an die Bevölkerung, sachdienliche Hinweise zu geben. „Wir wollen doch alle in einer friedlichen Stadt leben, unbeschwert unseren Tagesgeschäften nachgehen und wieder einander vertrauen können. Bitte seien Sie uns dabei behilflich, dieses schreckliche Vorkommnis aufzuklären!“
Inzwischen hatten die Polizeibeamten unseren Personenkreis überprüft. Also musste es irgendwo da draußen einen kaltblütigen Mordgesellen geben. Man konnte nur wünschen und hoffen, dass die Ermittler rasch auf die Erfolgsspur kamen.
Meine Gedankengänge wurden durch schrilles Telefongeläut unterbrochen. „Hauptkommissar Götz am Apparat! Spreche ich mit Ron Richter?“ „Guten Tag, der ist an der Strippe! Gibt es Neuigkeiten betreffs der Unbekannten?“ „Leider nein, wir sind bedauerlicherweise noch keinen Schritt vorangekommen, was die Identität der Toten betrifft. Bisherige Hinweise stehen als Vermutungen im Raum!
Hey Ron, mein fotografisches Gedächtnis hat ein paar Stunden gebraucht, um mir zu signalisieren, dass wir uns kennen, jedenfalls haben wir eine gemeinsame Leidenschaft und eine grüne Kawasaki!“ „Ihr Bullen wisst wohl alles?“ „ Bedauerlicher Weise nicht immer! Hast du morgen Abend Lust auf ein Bier mit mir? Könnten uns so um 20.00 Uhr im Schwarzen Adler treffen.“ „Sorry, morgen unmöglich! Ich muss Mama zu ihrem Rommee-Abend fahren und auch wieder abholen. Seit diesem Kirmesmord geht die Angst bei den Frauen um. Sobald es dämmrig wird, bekommen sie auf offener Straße Panik!“ „ Kann ich schon verstehen. Diese Kleinstadtsicherheit ist ins Wanken geraten.“
„Maren scheint ihre Unerschrockenheit auch schon verloren zu haben. Ihr sonst so unbeschwert spontanes Wesen ist ebenfalls ins Flattern geraten. Wo Vertrauen in der Luft hing, schwebt jetzt vielerorts Misstrauen. Das muss sich wieder ändern! Wie wär‘s mit heute, gleiche Zeit, gleicher Ort?“ „Kann ich einrichten! Freue mich!“
Unser Hauptkommissar hatte sich schon an einem Nischentisch platziert. Wir wollten ja kein Biertischgegröle loslassen, sondern  ganz gemütlich und etwas dienstlich plaudern, wie ich dachte. Zwei Pils waren bereits im Kommen und er reichte mir seiner Begrüßungshand nebst Speisekarte. „Du als Junggeselle hast doch sicher auch noch nichts zum Abend gespachtelt. Werde mir ein echtes Thüringer Rostbrätl mit Kartoffelpüree und viel Zwiebeln bestellen. Bist eingeladen! Was magst du?“ „Habe zu Hause schon einen Happen mit Mama gegessen, aber auf eine Rostbratwurst mit Kartoffelsalat bin ich immer hungrig!“
Die Bedienung war schnell, das Essen lecker und wir konnten ungestört reden.
„Woher glaubst du mich zu kennen? Ich habe doch gar keinen Polizeifreund!“ „Was ja noch werden kann!“ „Hattet ihr mich schon einmal im Visier?“ „Ich glaube, wir sind uns auf dem Sachsenring in Zwickau erstmalig begegnet. Du standest in meiner Zuschauerreihe und dann haben sich unsere Fanwege noch einmal auf dem Campingplatz Oberwald gekreuzt. Dort hattest du meine Rennmaschine von allen Seiten unter die Lupe genommen und zum Kumpel „Astrein – eine Traumkarre!“, gezwitschert. Meine Augen haben stets auf dir geruht und am späten Abend wollte ich auf Nummer sicher gehen und habe das Schätzchen ins Zelt geholt. Geklaut wird heutzutage überall.
Als ich vor einem Jahr von Nordhausen hierher versetzt wurde, düste genau vor dem Polizeiamt jemand mit der gleichen Maschine wie ich durch Heiligenstadt. Der Fahrzeughalterhalter war rasch ermittelt.“ „Mensch Jannik, das ist ja der helle Wahnsinn, dass wir hobbymäßig auf gleicher Wellenlänge schweben. Demnächst organisiere  wir eine gemeinsame  Bikertour!“
„Das machen wir, wenn der Fall gelöst ist. Noch gibt uns der Leichenfund eine Menge Rätsel auf. Spurensuche erfolglos, der Pathologiebericht enthält die einzigen definitiven Hinweise. Du bist doch von hier, kennst Stadt und Leute! Glaubst du, dass der Täter ein Heiligenstädter ist?“ „Es fällt mir auch schwer zu glauben, dass ein Einheimischer ausgerechnet in seinem Heimatort mordet.“
„Bevölkerungs- und Anliegerhinweise haben uns noch kein entscheidendes Stück weiter gebracht. Nach der Veröffentlichung der Fahndungsmeldung mit Foto gab es zwei Protokollstimmen, die behaupteten, die aufgefundene unbekannte Tote zu kennen. Das ist vielleicht unsere erste heiße Ermittlungsspur, denn beide Zeugenaussagen kamen aus Mühlhausen und decken sich sogar betreffs des Begegnungsorts. Mehr darf ich gar nicht preisgeben!“  Ich antwortete mit einem Kopfschütteln.
„Im Wirrwarr der Ungewissheit wurde das Sonderteam „Kirmesleiche“ befehligt, mit Hochfrequenz an diesem Fall zu arbeiten. Thüringen hat nur wenige Tötungsdelikte zu verzeichnen. Vor zwei Jahren wies die Statistik 81 Fälle von fahrlässiger Tötung auf und 33 Mordfälle. In welche Kategorie unser Opfer passt, ist noch unklar, aber Dank der gut organisierten Zusammenarbeit mit den LKA-Leuten, die jetzt mit uns im Ermittlerboot schaukeln, werden wir den Fall schon lösen. Die Fahndung in Kurzform ist bereits raus. Wir ermitteln also landesweit! Gegenwärtig sind wir auch im Raum Mühlhausen aktiv. Wir kriegen den Täter!“, versicherte er mit.
Inzwischen war es stockdunkel geworden.  Auf dem Weg zur Gartenstraße beschlich selbst mich ein komisches Gefühl. Es war ja längst nicht erwiesen, dass der Mörder nur auf Frauen stand. Diese Ungewissheit war nervenraubend, deshalb wollte ich Jannik helfen, wenn ich konnte. Die Sympathie sprang ihm förmlich aus dem netten Gesicht. Nicht wesentlich älter als ich, hatte er schon einen hohen Dienstgrad, war ein echter Biker, scharfsinnig und cool. Es schien keines Wegs so, als würde er sein Handeln von Vorschriften blockieren lassen. Leute wie er waren bei der Kripo richtig platziert.
Tags darauf fiel mir folgende Zeitungsmeldung ins Auge: IDENTITÄT DER TOTEN NOCH UNKLAR – Nach dem Tötungsdelikt in der Nacht von Pfingstmontag zu Dienstag in der Nähe des Heimensteiner Kirmesfestplatzes hat die Polizei noch keine Hinweise, die zur Identitätsklärung geführt haben. Die bisherigen Untersuchungen und Ermittlungsergebnisse lassen den Schluss zu, dass es sich um ein Gewaltverbrechen gehandelt hat. Laut Obduktionsbericht trat der Tod durch Erwürgen ein. Wahrscheinlich wurde der Frau mit einem Schaltuch die Luftzufuhr abgedrosselt. Vom Täter fehlt bisher noch jede Spur, er könnte sowohl aus dem Umfeld der Toten kommen, als auch ein Fremder sein. Unsere Leute ermitteln auf Hochtouren und sind für jegliche Anhaltspunkte dankbar.“
Im Leserausch hatte ich sogar das morgendliche Reinigungsritual beiseitegeschoben. Tief durchatmend, bewegte ich mich ins Bad, wusch mich, putzte meine Zähne und begann mit der Rasur. Rasieren war nie meine Stärke gewesen, aber wenn ich den Geschäftsmann herauskehren musste, legte ich schon auf ein stoppelfreies Äußeres wert.
Augenblicklich spulte ich das eben Gelesene in meinem Hirn ab. Plötzlich rann Blut über mein Gesicht. Erschrocken zog ich ein Fitzelchen Toilettenpapier von der Halterung ab und klebte es mit Spucke an die Schnittwunde. Gleich ging es wieder ab und der Schnitt ließ erneut eine rote Spur über die rechte Wange rinnen. Nun betrachtete ich mein eigenes Aussehen, das mich augenblicklich erschreckte. Abgespanntheit und Müdigkeit zeichneten meine Visage.Wie wird wohl der Mörder ausschauen? Ist er auch ein Mann, wie Jannik oder ich? Hatte er vorsätzlich gemordet, oder war es eine Panikhandlung? Stand er mit dieser Frau in irgendeiner Beziehung? Was hat sich zwischen den beiden zugetragen? Behäbig klebte ich ein neues Stück Zellpapier auf die lädierte Stelle und beendete die Rasur zum Glück unfallfrei.
Als ich beim Frühstück wiederholt auf den Polizeibericht starrte, erwachte in mir ein regelrechter kriminalistischer Spürsinn, der das Bild der Tatnacht zu zeichnen begann. Dem vergnüglichen Anlass entsprechend war die Dame entweder ein Kirmesgast oder eine Durchreisende, vielleicht auch eine neue Mitbürgerin. Vermutlich war der Täter eine Zufallsbekanntschaft, die mehr erwartete, als die Begleiterin zu geben bereit war. Keine Frau geht im Normalfall ohne Einkaufs-, Schmink-, Akten- oder Geldtasche aus ihrem Haus. Somit war der Mörder darum bemüht, Beweis- und Identitätsnachweise verschwinden zu lassen. Selbst seine Spuren hatte er verwischt. Sicher war ebenfalls, dass er sein Opfer, dort liegengelassen hatte, wo es getötet wurde. Es ist anzunehmen, dass für den in Panik geratenen Mann die Liebesnische zur Mord-Ecke wurde. Als der Täter den attraktiven Frauenkörper an sich heranziehen wollte, gegen ihren Widerstand, Ist er wahrscheinlich gewalttätig geworden. Mit dem Schaltuch hat er sein Opfer offensichtlich erdrosselt.
Vom ungewollten Ausgang des Flirts selbst geschockt, hat ihn vielleicht sein außer Kontrolle geratenes Verhalten zum Töten und zur Flucht getrieben. Ich stelle mir vor, dass man viel Kraft braucht, um eine Schlinge so fest zuzuziehen, dass der Blutstrom unterbrochen wird. Irgendwo hatte ich mal gelesen, dass dazu nur sechs bis sieben Sekunden nötig sind. Schon kamen mir die aufgedunsenen, rotverschmierten Lippen der Unbekannten in den Sinn, die das eigentlich hübsche Frauengesicht zu einer Fratze werden ließen.
Aus Harmonie konnte aber auch Mordlust geworden sein. Das hieße, dass es dem Mann Spaß und Vergnügen bereitete, Frauen zu quälen. „Diese Bestie musste ihrer gerechten Strafe zugeführt werden!“, hämmerte es in meinem Kopf.
Als ich im Büro am Schreibtisch weiter sinnierte, legte ich die Materialbestellung beiseite und griff mit schweißnassen Fingern zum Handy, wählte die Nummer des Hauptkommissar-Freundes und nahm mit Erleichterung seine Stimme wahr. „Götz am Apparat! Mit wem spreche ich?“ „Hey, Ron hier! Seid ihr in euren Umfeldrecherchen schon vorwärts gekommen? Die ganze Sauerei geht mir einfach nicht aus dem Kopf. Wer sucht sich schon eine mittelalterliche Kulisse für einen Mord aus, noch dazu mitten im Kirmestrubel? Muss wohl eine Zufallstat gewesen sein!“ „Grüß dich! Durch diesen Fragensumpf müssen wir uns doch manövrieren, das ist unsere Arbeit,  dafür werden wir bezahlt. Was meinst du, wie viele Rekonstruktionsvarianten unser Team bereits entwickelt hat. Momentan bringen uns nur Fakten weiter!“ „Gibt es denn da schon welche?“ „ Junge, ich kann dir keine Auskünfte geben.“
Die Aufklärungsarbeit hält uns alle in Atem, raubt uns die Freizeit, bringt oft das Familienglück in Gefahr und entfremdet Eltern den eigenen Kindern. Weißt du überhaupt, dass jedes Verbrechen so lange in den Köpfen der Kriminalisten rebelliert, bis es endlich gelöst ist? Manche Taten zermürben, bis man nicht mehr denken kann!“
„Betrachte mich einfach als deinen Informanten! Ich will euch doch nur behilflich sein! Intern natürlich!“
„Laut einer anonymen Meldung soll diese Tote in einem Mühlhäuser Bordell gearbeitet haben. Der Anrufer behauptete, von ihr bedient worden zu sein und bestätigte die ausländische Herkunft. Das deckt sich mit zwei anderen Hinweisen. Ihre Uhr war der einzige Anhaltspunkt, ein kleines Schmuckstück, auf das der Mörder keinen Wert legte. Ermittlungen in der Szene ergaben bisher nichts – alle ohne Zunge. Ein anderer Kunde will die Frau über eine Erotikanzeige gebucht haben, sie versprach: „Bei Anruf und guter Bezahlung lässt dich unser Sternchen in den Liebeshimmel aufsteigen!“ Diesen Rotlichtspuren folgen wir im Moment! Du kannst dir dessen sicher sein, dass unsere Soko „Kirmesleiche“ am Ball ist!“
„Danke und einen erfolgreichen Tag mein Freund!“
Der Alltagsstress hatte mal wieder die Mordpanik verwischt, aber längst nicht abgeklärt. Neue Energie schöpfend, stieß ich mich aus der Trägheit heraus und gab die Materialbestellung in den Computer ein, auch da war Konzentration gefragt, denn Bestellnummern durften nicht vertauscht werden. Hier war mein Arbeitsplatz.
Hatte mich erneut mit Jannik auf ein Bier verabredet. Aus Eigennutz entwickelte sich Freundschaft.
„Hey Ron!“,begrüßte mich der Bikerkumpel.
Lässig, etwas müde drein lächelnd, betrat Hauptkommissar Jannik die Eckkneipe. Seine sanften Augen waren getrübt. Wir schüttelten uns die Hände. Unsere Begrüßung wurde mit neugierigen Mienen und forschenden Blicken bedacht.
„Stehst wohl auf Männer?“, bemerkte ein Bekannter im Vorbeigehen. Wir ignorierten ihn und bestellten ein Pils.
„Bei uns ist der Teufel los, seid wir den Mordfall am Hals haben. Wir schweben nur im Wenn und Aber. Solch ein scheußliches und undurchsichtiges Verbrechen hatten wir lange nicht zu bearbeiten. Manchmal droht mein Kopf vor zu vielen Ideen zu explodieren. Gedankengänge, die einfach nicht zusammen passen. Habe heute mit dem Staatsanwalt simuliert, aber alle Überlegungen uferten im Nichts aus. Der Mörder ist noch ohne Gesicht. Hoffen, dass die Soko „Kirmesleiche“ den Fall löst.“
Aus unserer Motorradfahrt wird wohl vorerst nichts  werden.“
„Ihr werdet den Mörder schon finden. Keiner ist ohne Gesicht. Prost auf einen baldigen Fahndungserfolg!“
Seit dem Kirmesmord ging bei den Frauen die Angst um. Unsere Kleinstadtidylle war aus den Fugen geraten. Selbst Maren schien ihre Unerschrockenheit verloren zu haben Lucy sah man nur noch auf ihrer Maschine von Ort zu Ort düsen. Ich hätte sie gerne beschützt, aber sie gab mir keine Chance, ihr Herz zu erobern. Unlängst fragte ich sie: „Warum lebt eine so attraktive Frau wie du eigentlich alleine. Sehnst du dich nicht nach Familie?“  Leider bekam ich nur ein Achselzucken zur Antwort. Mehr erfuhr ich nicht. Mehr gab sie nicht preis.