Sonntag, 4. März 2018

" Ovambo-und Etoshafaszinationen"-4.Kapitel






Als Hanna merkte, dass ich wehmütig gestimmt in unserem Safari-VW meinen Platz einnahm, tröstete sie: „Das Highlight unserer Abenteuertour steht uns ja noch bevor. Wenn du erst einmal das unvergessliche Panorama der Etosha-Pfanne eingefangen hast, werden deine Sinne flimmern. Der Nationalpark misst etwa 300 km von Ost nach West und 100 km von Nord nach Süd. Rund 30 künstlich angelegte Wasserstellen und Quellen locken Tiere an, die dort aus relativ größter Nähe beobachtet werden können. Hier kann man die ursprüngliche Wildnis erleben und ist mittendrin im Tagkino. „Etosha“ bedeutet in der Ovambosprache: Dort, wo kein Wasser ist. Wenn man die salzverkrustete Pfanne durchquert und den flimmernden Luftspiegelungen der Mittagshitze ausgesetzt ist, spürt man etwas von Unendlichkeit und Ewigkeit!“
Wie gebannt, lauschte ich ihren Worten, die mir einen Ort deuteten, an dem der Himmel die Erde zu küssen schien. Ich war bereit für ein neues Wagnis und wollte dieses Namibia mit all seinen Facetten und Widersprüchen aufspüren, erkunden und lieben lernen.
„Auf geht es also gen Norden!“, verkündete der Chauffeur, während er das Lenkrad übernahm. Mich ergriff ein Gefühl überschäumender Lebensfreude. Baumbesetzte Steppen und Savannen, immer üppiger werdende Buschwälder, grünes Weideland, aber auch vertrocknete Dornensträucher flogen an uns vorbei. Nun eine Teerstraße, schmal, staubig, Siedlerhütten links und rechts. Menschen und Tiere teilten sich die Unterkünfte.
Es war Wochenende, Feiertags- und Kirchgangsstimmung. Die Straßenränder wurden plötzlich mit Lebewesen geschmückt. Schwarze kamen stolzen Schrittes aus ihren ärmlichen Behausungen heraus, um zum nächsten Gotteshaus zu pilgern. Sie trugen alle Sonntagskleidung. Dunkelhäutige, weiß beflaggt! Frauen, elegant gekleidet und Kinderscharen hüpften in neonfarbigen T-Shirts froh gestimmt neben den Erwachsenen her. Ältere trugen Klappstühle, um sich einen Sitzplatz zu sichern. Es offenbarte sich uns eine friedliche, wohlgefällige Welt. „Für mich unvorstellbar, wie gebügelt, geschniegelt und geweißt die ihren Hütten entspringen. Die Kleiderordnung ist perfekt sonntäglich und die Freude in den dunklen Gesichtern echt.“
„Ich finde ja die bunten Gummibärchen, schwarz gelockt, so exotisch niedlich. Diese Kinder sind eine Schöpfung der absoluten Schönheit!“, schwärmte Rosi.
Ziegenduell auf der Straßenmitte! Unser Hupen beendete den Zweikampf. Meine Handykamera hielt diese bewegenden Momente fest, ebenso wie das Afrikataxi, ein Pritschenwagen, total überladen, mit Krusselköpfen, die uns freundlich zuwinkten. Nun erstaunten mich Ziegenhirten in Hawaiihemden, die nur auf ihre Handys starrten, statt die Tiere zusammenzuhalten.
Um die Mittagszeit erreichten wir Shighuru, eine moderne Kleinstadt. Das Thermometer war inzwischen auf 32 Grad C hochgeklettert. Grund für eine Verschnaufpause. Mich erstaunten die Kondomautomaten in den WCs. „Diese Vorsorge war eine sehr wichtige Regierungsmaßnahme zur Eindämmung der Aidsgefahr. Die Afrikaner brauchen Aufklärung!“
„In etwa einer Stunde machen wir noch einen Zwischenstopp, um dir eine weitere Attraktion zu zeigen!“, bemerkte Carl. Schon bald erfuhr ich von Hanna, dass es sich um einen sagenumwobenen Bergsee handelte. Auf dem Grund sollen noch Schätze und Munition aus dem ersten Weltkrieg zu finden sein. Deshalb ist der Ort auch ein Taucherparadies geworden. Über die Bergung wird nur orakelt.“
Inzwischen hatten wir etwa 700 km durch Namibias Norden zurückgelegt. Abseits der Fahrbahn suchten wir den Weg zur Übernachtungsfarm. Holter di Polter erreichten wir das Eingangsportal, über dem „Sachsenheim“ prangte. Unter dem Schild war zu lesen: „Sie kommen als Fremde und gehen als Freunde.“
„Klingt ja verheißungsvoll! Hat sich hier etwa ein deutscher Sachse beheimatet?“, fragte ich ungläubig.
„Wir werden es herausfinden. Bei uns ist nichts unmöglich.“, meinte Rosi. Eine kleine, aber recht gemütliche Wohnanlage, offenbarte sich unseren neugierigen Blicken. Das Farmerhaus, im Westernstil angelegt, hatte eine große Terrasse, auf der wir mit duftendem Kaffee und verführerischer Schokoladentorte willkommen geheißen wurden. Unsere Gästebungalows waren ebenso einladend. Nachdem wir die Zweibettzimmer in Besitz genommen hatten, trieb uns die Hitze zuerst in den Pool, der Abkühlung versprach. Beim Planschen und Schwimmen wurden uns Getränke gereicht, wir flunkerten, resümierten, lachten und prosteten dem Glück entgegen. Wie von Zauberhand geschoben, zogen urplötzlich schwere dunkle Regenwolken auf und schwärzten den Horizont. In Windeseile entluden sich dramatische Himmelsformationen.
„Namibiaregen! Platzregen!“, jubelte Rosi. Unter dem Vordach sitzend, staunten wir über die großen Pfützen, die der Regen malte. „Dieser warme Guss ist für die Tier- und Pflanzenwelt ein Wachstumssegen!“ So heftig wie das Wasser niedergeprasselt war, so rasch versiegten die Regentropfen auch wieder und die Sonne erleuchtete den Nachmittag, an dem wir noch auf Erkundungstour gingen
Um 18.00 Uhr versammelte sich die Farmergemeinschaft mit den wenigen Gästen im Restaurantbereich, wo ein Abendbuffet mit heimischen Spezialitäten auf alle wartete. Jetzt stellte sich die Familie Sachse persönlich vor. Frau Maria war für den Ausschank zuständig, Tochter Nenja hatte die Bedienung im Griff und Gerd Sachse war Küchenchef und Teamleiter.
Mit viel Liebe zum Detail waren zwei Tischreihen auf der Terrasse originell afrikanisch eingedeckt. Sogar das Geschirr passte zum Ambiente.
Der Farmer eröffnete das Dinner, begrüßte seine Gäste mit viel Herzlichkeit, verwies stolz auf seine schwarzen Farmarbeiter, mit denen die Familie Sachse am Tisch saß. „Nun lade ich euch alle zum Abendessen ein, das Buffet ist im Haus angerichtet. Wenn ich meine Lieblingsgerichte koche, liege ich bei den Freunden immer richtig. Es gibt Kudu-Hackbällchen für die Fleischliebhaber, vielerlei Gemüsiges und Süßes. Lasst es euch munden!“
„Mir hat die Brokkoli-Süßkartoffelpfanne außergewöhnlich herzhaft geschmeckt. So etwas Pikantes gibt es bei uns gar nicht!“ „Diesen besonderen Geschmack erzielt man nur mit einem afrikanischen Kräutermix!“, fügte Hanna hinzu.
Bestens gelaunt und üppig gesättigt, kamen wir rasch mit den Einheimischen ins Plaudern und gaben uns dem Gästespaß mit Musik und Tanz hin. Ich schwebte in Carls Armen wie im achten Himmel. Ein paar Angestellte wagten auch ein Tänzchen mit unseren Freundinnen. Der Sonnenball ließ den Tag ausklingen und zauberte ein flimmerndes Bild, das die Abendstimmung romantisch umrahmte.
Am Montagmorgen holte uns ein prächtiger Hahn mit seinem „Kikeriki-Schrei“ in die neue Woche.
Ein vielseitiges Frühstück wappnete uns für die Weiterfahrt. Nun hatten wir erfahren, dass hier alle wie in einer großen Familie lebten und Gerd, Maria sowie Nenja bodenständige Weiße waren. Wir kamen wirklich als Fremde und reisten als Freunde ab.
Versunken im Rausch des Glückes, bemerkte ich gar nicht, wie rasch wir auf der Fernverkehrsstraße unserem nördlichen Ziel näher kamen. Meine Augen starrten auf die Visitenkarte der Sachsenheimfarm mit der Adresse: Gerd und Maria Sachse – POBOX 1713 – Tsumeb – NAMIBIA.
Je weiter wir uns vom Okavangodelta entfernt hatten, desto öder und trockener wurde die Landschaft. Mir erschien alles wie weiß gepudert. Sogar die Fahrzeuge, die uns entgegen kamen, schimmerten alle grauweiß hässlich.
„Hier ist die Natur vom Salzwüstensand der Etosha-Pfanne bereits verweht. Das Bühnenbild wird noch spannender!“, versprach Rosi. „Um den Wildtieren ein Überleben zu ermöglichen, wurde der Etosha-Park bereits 1907 angelegt und von Jahr zu Jahr erweitert. Dieser Nationalpark ist einer der herrlichsten und tierreichsten Naturschutzgebiete Afrikas. Das Territorium von 23 000 km² wird jetzt staatlich geleitet.“, setzte Mieke fort. Nun verkündete Carl das Safarimotto: „Die Wildnis ruft! Laut Prospektinfo werden im hier etwa 2000 Elefanten, 600 Zebras, 500 Gnus und 20 000 Springböcke beherbergt. Oryxantilopen, Flamingos und Wasservögel treten ebenfalls massenhaft auf. Es wäre eine endlose Kette, sämtliche Arten beim Namen zu nennen. Wir werden Unermessliches entdecken!“
Wir bezahlten eine recht hohe Eintrittsgebühr, bevor sich der Schlagbaum ins Wildtierreich öffnete.
Eine zupfende Giraffe jenseits der vorgeschriebenen Staubpfade schwenkte uns begrüßend ihren Kopf zu. Mehrere Zebraschönheiten waren auf Wanderschaft. „Bei dieser Hitze zieht es sämtliche Tierarten zu den Wasserstellen, die größtenteils durch Bohrbrunnen erschlossen oder künstlich angelegte Teiche erschaffen wurden.“, erklärte Mia. Jetzt kam der Verkehr der Schaulustugen ins Rollen. Safaribusse, offene Geländewagen, Jeeps und Lkw`s kreuzten unsere Wege. „Dort scheint das nächste Wasserparadies zu sein!“ Carl wechselte die Fahrtrichtung und Hanna klärte mich weiter auf. „Übermut kann tödlich sein! Hier darf man nur die markierten Routen befahren! Es ist bei Lebensgefahr verboten, sein Fahrzeug zu verlassen! Tierfütterungen und Berührungen sind ebenfalls strengstens zu unterlassen!“ Diese Verhaltensregeln wurden auf den jeweiligen Hinweisschildern noch einmal verdeutlicht. „Entweder man durchquert den Park mit einem Guide und öffentlichen Safari-Taxis oder in Eigenverantwortung, so wie wir.“, betonte Hanna.  „Zum Glück habe ich wohl die zuverlässigsten Reiseführer Namibias erwischt!“, lobte ich.
Als wir uns einer der Lebensquellen näherten, glaubte ich, mal wieder in das Reich der Träume eingetaucht zu sein. Eine Herde von etwa 20 Elefanten hatte sich zum Badespaß eingefunden, ihre kolossalen Körper überragten die übrigen Parkbewohner, von winzig (Wasservögel) über klein (Pelikane) bis groß (Zebras). Derartig vielfältige Tieransammlungen hatte ich noch nirgendwo zu Gesicht bekommen. Im instinktiven Einvernehmen hatte sich jeder Artgenosse seine Platzkarte gesichert. Lediglich die Elefanten beanspruchten ihr eigenes Terrain. „Was für ein tiergesellschaftliches Ereignis!“, stellte ich fest.
Carl hatte zwischen all den Safarifahrzeugen noch eine Lücke gefunden, in die er uns gekonnt hereinjonglierte. Jetzt war der Blick frei und aus Safaritouristen wurden Großbildjäger, lohnendere Motive gab es wohl kaum. „Beeindruckend, wie sich die Rüsseltiere, Giraffen, Kudus, Rehböcke, Pelikane, Hyänen, Antilopen, Gemsböcke, Flamingos, Geier und bunt gefiederte Wasservögel das Lebenselixier teilen!“, staunte ich.
„Du kennst doch das Sprichwort: ‚Frieden ernährt, Unfrieden zerstört!‘, das gilt sowohl im Mensch- als auch im Tierreich!“, warf Carl ein.
Später stoppten wir an einem wesentlich kleineren Wasserloch, in dem sich Bockis und Antilopen erfrischten. „Schaut mal nach rechts, dort zeigt sich uns ein sehr seltener Badespaß!“ Am Rand des Ufers lauerte eine Hyäne mitten im Wasser. „Ob sie wohl zum Trinkgenuss auch den Fleischgenuss findet?“, orakelte ich. Gespannt verfolgten wir das weitere Geschehen. In der Luft lag ein Knistern. Diese Spannung zerriss plötzlich, als Löwengebrüll in der Ferne vernehmbar war. Im Nu verflüchtigten sich die Vierbeiner, die Vögel flatterten aufgeschreckt gen Himmel. Wir dagegen harrten aus, um dem König der Wildnis auf die Spur zu kommen. Vergebens! Er hatte eine andere Richtung eingeschlagen. „Es gibt hier einen bestimmten Bereich, in dem wir bis jetzt immer Löwenbekanntschaft gemacht haben!“, tröstete Hanna.
Carl blies zum Rückzug. „Aus Kostengründen haben wir eine Lodges außerhalb des Camps gebucht. Hier im Park ist alles überteuert. Lasst uns zum Quartier aufbrechen!“
Erst jetzt spürte ich Hunger und Erschöpfung. Dazu besetzte eine brütende Hitze Körper und Geist. Wir hatten einen der heißesten Tage erwischt mit 42° C. Kaum vorstellbar, dass man diese Hitze in Deutschland ertragen würde. Momentan schützte uns das Autodach, und der Fahrtwind brachte Abkühlung. „Der brennende Horizont ist oft sehr bedrohlich für alles, was lebt und Wasser braucht!“, vernahm ich Hannas Stimme.
Wir fuhren gut 30 Minuten bis zum Safaricamp, das uns von einer Bergkette aus entgegen lächelte. Reizvolle Rundhütten, terrassenförmig angelegt, warteten auf uns, urig namibisch gemütlich. „Carl, schau dir doch mal diese exotischen Duschen an, einfach sensationell. Halbrund gefliest mit Elefantenrelief. Stell dir vor, der Wasserstrahl wird gerüsselt!“
Er lachte über meine kindliche Begeisterung, schloss mich fest in seine Arme. „Das kenne ich doch schon alles, mein Liebling. Ich lebe seit fast fünfzig Jahren in diesem Kameldornland.“ „Einfach imposant, urig, touristisch abgestimmt, diese Wohnanlage und obendrein in schwarzen Händen!“ Als ich auf eine kühle Rüsselerfrischung hoffte, wurde ich lauwarm berieselt. „Das Duschwasser wird doch nicht gekühlt. Sei froh, dass man bei dieser Trockenheit überhaupt so großzügig mit dem Wasser umgehen kann!“
Nach einem Erfrischungsgetränk aus der Kühlbox trafen wir uns zu einem Erkundungsgang durch das „Halai Camp“. Im Ankunftsbereich, wo die Fahrzeuge geparkt werden konnten, befanden sich neben der Rezeption auch Einkaufsstände und gastronomische Einrichtungen. Sogar ein kleines Museum, das die Buschkultur widerspiegelte, zog mich an. Gemütlich afrikanisch war der Innenhof gestaltet, sozusagen das Kulturzentrum des Camps. „Hier logieren wir immer, wenn wir der Etosha-Pfanne unsere Ehre erweisen!“, betonte Mia stolz.
Wir schlürften unseren Drink und entspannten in dieser zauberhafte Atmosphäre bis zur Abendessenszeit. Dann nahmen wir unsere Plätze auf der Restaurantterrasse ein und ließen uns mit einem Viergänge-Menü überraschen. Während wir die regionalen Köstlichkeiten verspeisten, spielte eine afrikanische Band Heimatmelodien, die mit Gesang umrahmt wurden. Geselligkeit, Gemütlichkeit und Neugierde brachten Menschen der verschiedensten Nationen auf wundervolle Weise zusammen. Ob sie wohl alle Namibia liebten oder nur aus geschäftlichen Gründen vor Ort waren?
Von den flimmernden Luftspiegelungen der Etosha-Pfanne überwältigt, fiel ich in einen Tiefschlaf, bis die Sonne wieder aufging. Hellwach lag ich nun neben meinem Herzbuben und war ihm dankbar dafür, dass er mir zuliebe mit vier Frauen durchs Land reiste. Jeder von uns zollte er den nötigen Respekt und war die Höflichkeit in Person. Rasch duschte ich mich und machte mich hübsch für ein neues Abenteuer.
Wir wollten mit die ersten im Wildtierreich sein, um die Morgenwäsche der Tiere nicht zu verpassen. Außerdem trieb mich die Neugier auf alles, was es hier zu entdecken gab, an. Während der Fahrt streckte ich meinen Hals durch den Fensterschlitz, der Kopf wippte im Rhythmus der Kurven. „Werde nicht übermütig!“, mahnte Rosi. „Könnte glatt abheben vor lauter Lebenslust!“
Auf einmal entdeckten wir eine dunkle Wolke, die majestätisch vor uns her zog. Es war ein seltener Anblick, den wir zu würdigen wussten. „Vielleicht ein Hoffnungsschimmer auf Regen!“
Neue Route, neue Kasse! Nichts ist mehr umsonst. Aber dieses atemberaubende Tierreich muss erhalten bleiben, also zahlen wir gerne!“, hörte ich Carl. Film ab! Klappe, die erste! Eine beschauliche Springbockherde trabte aus dem Busch heraus und stoppte unsere Fahrt. Zwei Böcke lieferten sich auf der Staubpiste ganz unerwartet ein heftiges Hörnergefecht, umringt von den sensationslustigen Artgenossen. Kudus grüßten uns vom rechten Wegesrand. Im welken Gras tuschelten zwei Onyxantilopen. Da, wo die meisten Tiere nicht hinreichten, zupften die stolzen Giraffenbewohner das letzte Blattgrün ab. So allmählich kam im Park Wuhling auf, Safarifahrzeuge knatterten aus mehreren Richtungen den Wasserstellen entgegen, um das Kompaktprogramm einzufangen, denn so wie wir unseren Morgenkaffee brauchten, lechzten auch die Tiere nach Wasser.
Die Schaulustigen wollten die Tierversammlung hautnah erleben und drängten in die ersten Ränge. So langsam wurde ich quirlig. „Carl, beeile dich, wenn wir schnell sind, erhaschen wir auch noch einen Logenplatz.“ Er gab Gas und zog eine salzstaubige Bahn hinter sich.
Geschafft, der Bühnenvorhang öffnete sich. Das Tierspektakel wurde von den langhalsigen Giraffen beherrscht, die in Kreuzbeinstellung den Durst stillten. Fast ein artistischer Akt!
Mia kommentierte: „Ein Glücksfall, so lange die Big Fivers nicht im Anmarsch sind. Die Löwen, Elefanten, Büffel, Leoparden und Nashörner gehören zu den gefährlichsten Tierarten im afrikanischen Busch!“
Klick, klick und wir pirschten weiter in eine öde wirkende Region, total eingesalzen. Gepuderte Termitenhügel waren das Herausragende. Doch schlagartig veränderte sich die Kulisse, als wir auf ein anderes Wasserloch zusteuerten. Elefanten, Zebras, Gnus und Flamingos tummelten sich in bunter Eintracht. Man vernahm ein Schlürfen, Schöpfen, Saugen und Prusten. Wildschweine rüsselten im Uferschlamm. „So friedlich geht es nicht immer zu!“
In der Mittagshitze gerieten auch die Tiere in den Trägheitszustand. Nirgendwo eine Klimaanlage oder ein kühler Lufthauch, also suchten sie Schutz im Baum- und Strauchschatten. Dicht aneinandergeschmiegt gaben Antilopengruppen ein Hörnerschwungbild ab. Ebenso hatten sich die Kudus militärisch exakt unter einem Sonnenblätterdach formiert. Das glänzende Fell der Pferdeantilopen leuchtete uns fröhlich entgegen. Fiesta!
„Nutzt ihr diesen Wildreichtum im Park nur für den Tourismus?“, wollte ich wissen. Hanna hatte die Antwort parat: „Überzählige Tiere werden zur Nachzucht, zur Versteigerung oder Fleischverarbeitung freigegeben. Manche fallen den Big Fives zum Fraß, einige verdursten. Am Widerwärtigsten ist es aber, wenn Wilderer den Trophäen nachjagen und vielen Gattungen ein miserables Kadaverschicksal bereiten.“
Großwildmomentaufnahmen! Während sich Springböcke und Kudus bereits ein feuchtfröhliches Stelldichein gaben, nahten die weiß gepuderten Queen-Elefanten gemächlich einherstampfend. Straußenvögel versuchten, sich in den Reigen zu drängen, erhielten aber keinen Spielraum. Plötzlich entfachte ein Tumult. Elefantenzoff! Rüssel umschlungen sich, Ohren umwedelten die Köpfe und riesige Körper prallten gegeneinander. Galante Ausweichmanöver und ein kräftiger Rüsselstups in das Hinterteil des Gegenübers belustigten uns. „So etwas hat ja die Welt noch nicht gesehen!“, triumphierte ich. „Duell der Wildgiganten!“ „Mag wohl ein Eifersuchtsakt gewesen sein. Beide begehren dieselbe Elefantenkuh, die im Abseits posiert! In derartigen Situationen sind sich Zwei- und Vierbeiner ähnlich.“, meinte Rosi.
Szenenwechsel! Wir wurden Wettkampfrichter, als die Zebras ein gigantisches Salzpfannenrennen veranstalteten. Jeder gegen jeden! Schwänze wedelten, Köpfe verdrehten sich und Beine liefen. Am Ziel waren alle Sieger und wir genossen den gestreiften Spaß.
„Verdammt, wenn wir nicht bald eine Löwenmähne aufspüren, zweifle ich an meinen früheren Begegnungen. Genau hier hatten wir im vorigen Sommer die unvergesslichsten Erlebnisse mit der Königsklasse!“, fluchte Hanna. „Lauter Zebras und Bockies, nirgendwo eine Raubkatze! Leckt uns doch am Arsch, wir suchen uns ein anderes Vergnügen!“, monierte Mia.
Fliegender Fahrerwechsel. Nun setzte sich Mia hinter das Lenkrad und Carl übernahm die Information: „Das mächtigste Raubtier Afrikas ist der Löwe. Er kann mit nur einem Prankenhieb verheerende Wunden schlagen und ist nachtsichtig. So gelingt es ihm, seine Beute im Dunkeln zu jagen. Diese Tiere leben in Rudeln und erkennen sich am Gebrüll. Zebras, Giraffen, Büffel und Antilopen sind ihre bevorzugte Beute.“
Etwas traurig über den misslungenen Pirscherfolg traten wir den Rückzug an und verweilten auf einem Höhenzug. Vor uns erstreckte sich das Etoshapfannen-Panorama, weiß glitzernd und einzigartig. Abendstimmung kam auf, es wurde leicht kühler, einfach erträglicher. Ein phänomenales Horizontspektrum, vom Sternenhimmel gekrönt, hielt uns gefangen. Lichtschweife schwebten über uns mit bizarren Farbnuancen, tiefblau, weinrot, gelborange, violett-schwarz und grau. Augenblicklich explodierte dieses Panorama und Traumspuren offenbarten sich. Wir erstarrten vor der Königsklasse Löwenpracht. Ein einsam gewaltiges Exemplar relaxte friedlich, unweit der Fahrspur unter einem Baum, beim Abendgebet: Lieber Gott, beschere mir für diese Nacht reiche Beute!“
Mia brachte den VW-Bus zum Halten und wir griffen zum Fernglas, um das Tier auf Augenhöhe erfassen zu können. „Ob der Löwe schläft, in die Landschaft späht oder sich auf die nächtliche Jagd vorbereitet, weiß man nie. In jedem Fall geht von ihm größte Gefahr aus!“, gab Hanna zu bedenken.
„Manchmal wünsche ich mir, die Gedanken anderer Lebewesen lesen zu können, um gescheiter zu werden. Aber eins steht fest, wir passen nicht in das Löwen- Beuteschema!“, bemerkte ich.
„Vielleicht belauert er aber auch die Kuduherde dort drüben und wartet darauf, ein abgeschlagenes Tier niederstrecken zu können.“
Rosi spann den Faden weiter: „Der Todesschrei eines Opfertieres bedeutet Gefahr für den Jäger. Eilt die Herde herbei, ist der Löwe chancenlos.“
Uns fehlte die Zeit, um auf die Entwicklung der Geschehnisse zu warten. Also peilten wir den nächsten Wasserspaß an, wo bereits eine Touristenansammlung herrschte. Nur mit Mühe fanden wir eine Beobachtungslücke. „Hurra, ein Elefantenpool! Bei diesen Safaris habe ich mich bedingungslos in diese Dickhäuter verliebt, kolossal und doch gefühlvoll!“
Schon konnten wir das Erfrischungsvergnügen von fünf gewaltig großen Queenelefanten beobachten. Eine Elefantenkuh schlängelte ihren Rüssel ins kühle Nass und schöpfte den Rüsselschlauch mit kunstvollen Drehungen voll. Mit Schwung und Geschick landete das Wasser im Maul. „Prost!“, dachte ich.
Der Bulle zelebrierte ein völlig anderes Saufritual. Er füllte seinen Rüssel und gab ein Spritzbad auf seine Füße ab. Danach wurde die Rüsseldusche systematisch zur Erfrischung des gesamten Körpers. Ich schoss fantastische Fotos durch die Fensteröffnung. Im selben Moment sprang ein Pirschmensch mit seiner Kamera zwischen den Fahrzeugen rum und drängte nach vorne. „Ein Lebensmüder!“, schrie Mia. „Diese Chaoten gibt es überall!“
Mittagshungrig stoppten wir im Etosha-Camp und steuerten den-Imbiss an, teuer und wenig schmackhaft. Trotzdem kauften wir Getränke, Souvenirs und machten Pullerpause. „Pfui Teufel, sind die Toiletten ekelhaft! Hier wird nur abgezockt, seit das Camp in Regierungshand ist.“, schimpfte Mia.
Die Parkanlage selbst bot aber so manche Attraktionen, die für mich eine neue Endeckung waren. Also verweilten wir ein Stündchen im Tierpanorama hautnah. Im Osten hatte man eine komfortable Wohnanlage errichtet, visavis lag das Wildtierreich, getrennt durch ein Wasserbad. Auf der einen Seite vergnügte sich die Tierwelt und auf der anderen lauschten wir. Naturtheater vom Feinsten. In den Beobachtungsrängen waren sogar Hochsitze angelegt, damit man das Geschehen besser überschauen konnte. Einfach sensationell, wie sich Mensch und Tier von Angesicht zu Angesicht gegenüber standen. Man schaute der Gefahr förmlich ins Auge, lediglich durch eine Wassergrenze getrennt. Hanna konnte von diesem magischen Ort eine merkwürdige Begebenheit preisgeben: „Beim Grillfest der Touristen ist es mehrfach vorgekommen, dass Fleischstücke plötzlich vom Rost verschwunden waren. Wie das, fragte man sich? Listige Löffelhunde, die abends durch die Steppe pirschten, wurden vom Geruch des Grillfleisches angelockt. Sie suchten sich eine Lücke im Absperrzaun und schlichen den verführerischen Düften nach. Blitzartig stibitzten sie, was unbemerkt zu holen war. Seit diesen Vorfällen darf nur noch an zentral bewachten Plätzen gebruzzelt werden.“
Zum Abschluss der Besichtigung erkletterten Carl und ich noch einen Aussichtsturm, von dem aus wir unsere Blicke weit in das Land schicken konnten. Bemerkenswert erschienen mir die Kontraste zwischen Berg und Tal deren Farben von Grau über Braun und Rot bis hin zum satten Grün wechselten.
Überdimensionale Webervögelnester schienen mich fast zu erdrücken. Faszinationsgeladen rang ich nach Luft. Traum oder Wirklichkeit? Jeder Tag verzückte mich aufs Neue und ließ meine Liebe zu diesem Land wachsen.
Dämmerparty im Camp! Als wir zum Abendessen kamen, war richtig was los. Die Bude war voll. Bustouristen hielten die Restaurantplätze besetzt. Flexibel wie wir waren, fanden wir im Badewannenbereich eine Sitzgelegenheit. Hier hatten helle Köpfe Wannen zu Sesseloasen umfunktioniert, einzigartig abartig, aber originell gemütlich. Jedenfalls hatten wir unseren Spaß.
Mittwochmorgen, das Etosha-Gelände lag uns zu Füßen und wir waren bereit, uns einem neuen Tagspiel zu ergeben. Erwartungsvoll begaben wir uns auf Abenteurereise, etwas wehleidig, denn es war unsere letzte Stipvisite in diesem Widtierparadies.  
Ein Wasserloch mit bekannter Tierversammlung, Staubwolken, glitzernde Salzpfützen und frohe Gemüter belebten das Morgengrauen. Ich wollte alles einfangen und mit nach Deutschland nehmen, was es hier an Außergewöhnlichem gab. Auch als uns die Mittagsglut überschüttete, gingen wir auf die Pirsch. Der Himmelsplanet sendete unerbittliche Signale zur Erde. Die Vierbeiner hatten sich bereits den Schattenspielen hingegeben, schoben, schubsten, drängelten und wurden unruhig. Giraffen schienen mit einem Futterbaum verwachsen zu sein und Elefanten suhlten sich ohne Unterlass im Schlamm. „Bei den Temperaturen müssen sie aufpassen, dass ihre Körper nicht austrocknen. Der  afrikanische  Elefant, das größte Landtier, braucht pro Tag etwa 50 Liter Wasser, um den Durst zu stillen. Nashörner, die wir seltener zu Gesicht bekommen, halten es dagegen einen ganzen Tag lang ohne Flüssigkeit aus!“, wusste Carl.
Man spürte förmlich, dass etwas in der Luft lag. Mit einem Mal starrten wir alle gen Himmel, der sich in Sekundenschnelle in einen bedrohlichen Wolkenschleier gehüllt hatte. Wie aus dem Nichts zwirbelte sich ein Wirbelsturm auf. Spiralförmig geisterten Sandformationen in die Höhe. Ich sperrte Mund und Ohren auf, dieser Zauber der Natur war mir neu. Die Sandgespenster wuchsen bedrohlich. „Besteht jetzt Unwettergefahr? Sollten wir uns nicht lieber in Sicherheit bringen?“, bibberte ich. „Noch haben wir Zeit, die Stürme toben erst in der Ferne. Man muss beobachten, wo sie hinziehen. Manchmal verschwinden sie wieder wie eine Fata Morgana!
„Wir fahren zur Sicherheit zum Camp zurück!“ Eine Staubwolke machte uns blind, als ein rasanter Raser auf der Überholspur vorbeidüste. „So ein Idiot!“, schimpfte Hanna.
In unseren Unterkünften angekommen, mixte uns Mia einen Mutmacher, natürlich Red Shandy. Der Drink beruhigte uns wieder und die Wetterlage tat es ebenso. Also stürmten wir den Poolbereich, sicherten uns ein Oaseplätzchen und beobachteten gekonnt, wie der Sandschweif immer weiter Richtung Osten abdriftete. Merkwürdigerweise entlud sich nicht ein einziges Regentröpfchen, während es anderswo zu Starkregen kam. Wir schüttelten den Angstschweiß im Wasserbecken ab und machten uns am Abend zum Abschiedsessen ladychic. Diese atemberaubenden  Etosha-Tage sollten einen krönenden Abschluss finden. 
Letzmalig speisten wir  fürstlich afrikanisch im Vergnügungszentrum, lauschten den Klängen der Hausband, die sogar Beatlessongs im Repertoire hatte. So ließen wir Körper und Seele baumeln. Auf dem Weg zu den Rundhütten blieben unsere Sinne an einem unglaublich leuchtenden Sternenfirmament haften. Ich entdecke gerade den Nordpolarstern, als es „Schwups!“ machte und eine Sternschnuppe direkt an mir vorbei flimmerte. Völlig losgelöst sprach ich einen Herzenswunsch ganz leise  aus. Auch an unserem letzten Safari-Tourtag erlagen wir dem Charme der Wildnis. Schakale schlichen zwischen Straßenstelzen und Kudubeinen rum, was sehr lustig anzuschauen war. Und dann entdeckte ich etwas sehr Seltsames. „Welch ein ungewohnter Anblick, das ist ja ein Rabenfeld. Wachsen die Federtiere hier?“, unkte ich.
Rosi lachte herzhaft: „Diese schwarzen Vögel haben hier ihr Brutgebiet und sichern ihre Nester gegen Schlangenräuber ab. Das Wunder Natur hat jedem Tier einen eigenen Charakter und ein Tarnkleid gewebt.“
„Nirgendwo wird einem der Kreislauf des Lebens besser bewusst gemacht, wie in Namibia und darum liebe ich euer Reich.“
Ein Nashorn am Wegesrand ließ Carl plötzlich stoppen. „Hallo Spitzmaul, schön, dass du auf uns gewartet hast. So ein gewichtiges Exemplar wie dich sieht man nicht alle Tage und schon gar nicht mit Horn. Scheinst auch friedfertig zu sein!“, begann Hanna die Unterhaltung. „Hörnerjäger, die hier im Park zur Strecke gebracht werden, erfahren harte Strafen. Wusstet ihr schon, dass das Horn zermahlen wird und mit Beimengungen als Potenzmittel gewinnbringend auf dem Weltmarkt zum Verkauf angeboten wird?“ „Oh wie widerwärtig!“, rief ich aus.
Die Pfanne war wieder am Dampfen, mindestens 40°C. Man hätte Eier darin braten können, aber darauf hatte jetzt niemand Appetit. Wir griffen nur zur Wasserflasche. Verbrannte Erde, vertrocknetes Gras, verdörrte Sträucher und absterbende Bäume, die gespenstisch aus der Dürre ragten. Erstmals sichteten wir einige Tierkadaver, die vom Überlebenskampf zeugten. Lediglich den Steinbrocken hatte der Sonnenplanet kein Leid zufügen können.
Diese tristen Bilder stimmten mich traurig. „Etosha ist wie ein einzigartiges Drama der Naturarena, manchmal auch für Menschen!“, brachte es Carl auf den Punkt.
„Für Leute mit viel Geld werden Hubschrauberrundflüge angeboten. Ein Safarinarr nötigte einmal den Piloten, tiefer und immer tiefer zu fliegen. Er war in seiner Beobachtungsgier unersättlich, bis das Flugzeug abstürzte. Tags darauf hatte man nur noch die Knochengerüste der Männer ausmachen können. Vieles verliert sich in der Weite.“ Hanna wusste: „Einige Fotografenspinner haben ihren Wagemut auch schon mit dem Leben bezahlt.“
Zum Abschied glitzerten die ausgetrockneten Salzpfannen gespenstisch und doch hatte man hier dafür gesorgt, das die Tiere eine Überlebenschance bekamen.
Mia chauffierte uns nach Ombindja, einer Kleinstadt, teils modern, teils hüttentypisch. In den Randgebieten waren die Schwarzen angesiedelt und wo der Fortschritt deutlich wurde, lebten vorwiegend Weiße. Die Einen gebildet, die Anderen größtenteils ungebildet. Wer ein geregeltes Einkommen hatte, konnte sich eine Stadtwohnung leisten. Im Zentrum pulsierte das Leben, überall bewegte sich etwas Den Passanten schien es an nichts zu fehlen. Europäisch modern oder im Business-Stil gekleidet, durchschritten die Menschen stolz und zielstrebig die Innenstadt. Cafès und Restaurants säumten die Fußgängerzone. Ich zeigte mich total beeindruckt.
Als wir im Begriff waren, weiter zu fahren, fiel Rosi ein: „Halt! Da ist eine Apotheka. Muss unbedingt ein Verdauungsmittel haben. Langes Sitzen gefällt meinem Darm nicht!“ „Gute Idee, ich möchte Voltarensalbe kaufen, gibt es die hier auch?“
„Bei uns gibt es alles, bloß nicht an jeder Ecke und für jedermann erschwinglich.“, so Hanna.
Im Verkaufsraum wurden wir zu meinem Erstaunen deutschsprachig fachgerecht beraten. Lustige Kinderaugen starren uns an, weil wir fremdartig sprechen. Die  kleinen Wuschelköpfe versuchen, mit uns zu schäkern. Wir revanchieren uns für diese Zuneigung mit Gummibärchen. Kinderfreundschaft!
Vor unserem VW-Bus herrschte Tumult. Die Freundinnen redeten und gestikulierten mit einer obszönen Gestalt. Erstaunt beäugte ich die lehmverschmierte Ovahimba. Diese Frau, etwa fünfzig, sah erdig, halb nackt, runtergekommen und abgegriffen aus. „Will die etwa mit uns reisen?“, fragte ich so zum Spaß. „Du hast es erfasst. Sie will sogar noch mehr. Bis jetzt haben wir deinen Carl beschützt, nun kannst du das selbst tun!“, rief mir Mia entgegen.
„Was geht hier eigentlich ab?“, wollte Rosi wissen. Hanna gab empört Auskunft: „Die will Carl heiraten! Ist richtig frech geworden und lässt sich nicht abwimmeln.“ „Es gibt viele alleinstehende bedauernswerte Geschöpfe, die sich auf diese Weise ein besseres Leben erkämpfen wollen.“, hörte ich.
Sichtlich schmunzelnd, überließ ich meinen Namibia-Damen die Klärung des Problems. Mich hätte sie ja sowieso nicht verstanden. Etwas entspannter geworden, setzten wir die Weiterfahrt fort und ich war begierig darauf zu erfahren, wie das Wortgefecht geendet hatte. „Das Ovahimbaweib suchte eine Zukunft und war sogar bereit, als Zweitfrau mitzukommen.“ „Die hat gestunken und neben ihren Worten wippten die Brüste griffbereit.“, empörte sich Hanna. „Solche Schlampen prostituieren sich überall. Rote Erde, ihr Sonnenschutz, haftet oft tagelang auf Haut und Haar. Zum Schluss schrie sie noch, dass der Doktor ihr bestätigt hat, aidsfrei zu sein.“, ergänzte Mia.
„Ich erinnerte mich, neben der Apotheka war eine Arztpraxis, vor deren Tür die Leute sogar wartend im Dreck saßen. Über diesen ominösen Zwischenfall haben wir im Nachhinein noch oft gelacht. Carl schwieg zu allem. Ihm hatte es wohl die Sprache verschlagen. Auf solche unmoralischen Angebote stand er definitiv nicht.
Auf dem Marktplatz in Swakopmund waren mir diese armen Geschöpfe vor zwei Jahren bereits aufgefallen. Sie hockten mit ihrer Kinderschar auf dem Erdboden und verkauften recht hübschen Schmuck. Echte Handarbeit! Diverse Ketten, Ringe und Armbänder zierten die eigenen Körper.
Nun erzählte Hanna: „Die Ovahimba, eine Untergruppe der Hereros, lebte als Hirtenvolk von Ziegen, Kuhmilch und Pflanzen. Ihre Hütten sind noch heute recht primitiv gebaut. Einfache Gebilde aus Sprößlingen, die mit den Blättern der Makalanipalme zusemmengebunden sind. Zum Abdichten wird Dunk verwendet. Die Behausungen müssen leicht demontierbar und transportabel sein. Man zieht den Tieren nach, um den Lebensunterhalt abzusichern. Diese Ureinwohner sind stets auf der Suche nach Weidegrund. Bis zu zehn mal im Jahr wird ein Esel mit Hab und Gut beladen, um dorthin umzusiedeln, wo fruchtbares Gelände ist.“
„Diese Lebensart klingt für uns Europäer unvorstellbar!“
Wir setzten unsere Fahrt nach Süden fort, dem Atlantik und der Heimatstadt meiner Freunde entgegen. Es standen noch einige Erkundungen auf unserem Veranstaltungsplan.
„Swakopmund, die Metropole der Deutschen seit 1862. Sie entwickelten die Stadt zu einem Handelszentrum und Ferienparadies. Heute leben 17 Millionen Menschen, schwarz, weiß und verschiedenster Stammeszugehörigkeit, zusammen.“, leitete Hanna ein.
Die Reize dieser Weltmetropole und das Deutschtum hatte ich bereits bei meinem ersten Besuch in hier eingefangen. Also freute ich mich auf Kultur, Familienbegegnungen und weitere Überraschungen.
Je näher wir diesem Ziel kamen, um so kühler wurde es. Wolkenstreifen bremsten die intensiven Sonnenstrahlen aus. Einfach angenehm erfrischend! Mia und Hanna whatsappten bereits ihre Ankunft, obwohl noch ein langer Weg vor uns lag. Aber in Namibia sind endlose Strecken normal.
Imbiss-Stopp in Kalkfeld. Dieser Ort hatte sich bereits bei meiner ersten Begegnung von einer düsteren Seite gezeigt. Inzwischen sah es nicht viel wohnlicher aus. Pröckelnde Hausfassaden, Dreckecken an den Straßenrändern und in den Grünanlagen. Unfertige Bauwerke und herumhängende Männergrüppchen schreckten mich ab. „Diese Entwicklung verstehe ich nicht. In dem Ort hat sich ja inzwischen so gut wie nichts verändert, das  sichtbar ist. Aber aus einer deutschen Zeitung weiß ich, dass es ein Projekte für ein Waisenhaus im namibischen Kalkfeld gibt. Ein Herr Dirk Rohrmann hat  dieses Kinderheim  gegründet, um Not zu lindern. Die Einrichtung kann nur von Spenden leben, da es keine staatlichen Fonds dafür gibt. Dank seiner Initiativen konnte das Gebäude von 32 Plätzen auf 58 aufgestockt werden. Sogar aus unserer Region  kommen die Spenden!“, bemerkte ich fassungslos. Carl erzählte: „Unter schwarzer Herrschaft wurde aus diesem wichtigen Handelszentrum ein bedeutungsloses Städtchen. Es wird Zeit, dass Kalkfeld wieder zur Geschäftsmetropole erblüht.“
Eine Welle Fortschritt kam ins Rollen. Die Hauptverkehrsstraße, die wir befuhren, verlief fast parallel zur Eisenbahnlinie. An vielen Abschnitten wurde noch gebaut. Unverhofft gab es einen Ruck und meine Nase klebt fast am Autofensterglas. Erschrocken blickte ich in eine Wildschweinvisage, zwei Keilerzähne schienen uns blockieren zu wollen. Letztendlich wich die Angriffslust der PS-Stärke.







Samstag, 27. Januar 2018

"Lieb mich Namibia" - 2. Kapitel
















2. Glück muss erobert werden
Eigentlich war mir danach zumute, Jim zu kontaktieren, um diese Neuigkeit auswerten zu können. Mit Carl ließe sich über dieses sensible Thema nicht diskutieren. In Südafrika ein Tabu! Also zog ich den Gedankenaustausch mit meinem Ältesten vor: „Guten Abend, wie kommst du so klar im Speditionsgedränge?“ „Von Tag zu Tag besser, kann mich langsam mit einem Firmenjob anfreunden.“
„Klingt begrüßenswert! Wusstest du von Kays Liebesleben?“
„Aber ja doch, hat er dich endlich ins Bild gesetzt? Derartige Formen des Zusammenlebens sind ja heutzutage barrierefrei.“ „Cool betrachtet, spricht nichts gegen eine solche Verbindung. Die Brücke, auf der man über den Fluss des Lebens geht, die muss man sich selbst bauen!“
„Oh, wie wahr! Habe festgestellt, dass es bei uns in Hamburg, der Stadt der Superjachten, doch am schönsten ist, vielleicht werde ich mich neu positionieren. Jemand muss ja mal in deine Fußstapfen treten. Mit Spekulieren und Jonglieren an der Börse gerät man zu schnell aus dem Fahrwasser. Hier habe ich ein Fundament und noch dazu eine tüchtige Frau Mutter, von der ich lernen kann.“
„Kaum zu glauben, dass du dazu bereit bist. Du weißt, dass diese Lebensbrücke schon gebaut wurde. Du musst sie nur beschreiten und festigen.“ „Genau darüber denke ich gerade nach.“ „Wenn das so ist, dann kann ich ja mit einer gutem Gewissheit meinen Safari-Urlaub antreten.“
Locker und gelöst, mit Vorfreude im Gepäck, entstieg ich am zweiten November um 7.30 Uhr den Namibia-Air-Bus in Windhoek. Nun war ich wieder in dem Land, das ich bereits geküsst hatte. Im Land des Regenbogens, wie die Einheimischen es liebevoll nennen. Unter dem Himmel, der so atemberaubend schön war, dass man sein Firnament für die Ewigkeit in sein Herz schließen musste. Nicht einmal der weißblaue Horizont über den schneebedeckten Bayrischen Alpen konnte es mit diesem Anblick aufnehmen.
Seelenschwester Rosi und ihr Sohn Patrick winkten mir bereits in der Ankunftshalle zu. Die zehn Flugstunden waren rasch vergessen. In dem Moment, wo beide vor mir standen, entluden sich die Wogen der Wiedersehensfreude. „Willkommen meine Babsifreundin!“, herzte mich die Dame von Welt. Auch Patrick umarmte mich liebevoll.
Als wir auf dem Parkplatz dem Ole-Jeep zusteuerten, begrüßte mich ein recht kühler Frühlingswind. „Bei uns windet es immer, deshalb Windhoek!“
Während der Fahrt wanderten meine Blicke von rechts nach links und von vorn nach hinten, um das Einzigartige von Tier- und Pflanzenwelt einzufangen. Bei unserer Ankunft im Ohleparadies umfluteten bereits die ersten Sonnenstrahlen den Tag mit wohliger Wärme. Der Frühling hatte Rosis Gartenanlage bunt gemalt. Nach einem Rundgang durch das recht große Anwesen platzierten wir uns auf der Terrasse mit malerischem Bergblickpanorama, frühstückten und tauschten unsere Gedanken endlos aus. Aufregung, Freude, Erwartung und ein unbeschreibliches Glücksgefühl besetzte meine sämtlichen Sinne.
In der Mittagszeit entspannten wir bei 25° C im Poolbecken, während ein Pfauenpärchen uns beim Schwimmen zuschaute. „Was für eine Wohltat, dem deutschen Schmuddelwetter entflohen zu sein.“, freute ich mich.
„Hier ist es ganzjährig warm, heiß, aber auch manchmal sehr trocken.“
Whats App an die Kinder: „Gut gelandet, liebevoll empfangen, von der Sonne geküsst und vom Safarifieber erfasst, möchte ich euch tausendfach grüßen. Schöner kann das Leben gar nicht sein! Eure Ma!“
„Barbara, ein Telefonat für dich, dein Herzbube verlangt nach deiner Stimme!“, vernahm ich Rosi.
Als ich den Hörer in der Hand hielt, war mir Carl auf einmal ganz nah, ich glaubte, seine Anwesenheit spüren zu können. Die Aufregung stand mir ins Gesicht geschrieben.
Gefühlte Direktverbindung! „Willkommen Herzensdame, schön, dich endlich in Reichweite zu wissen. Bald ist dein Schutzengel wieder aus Fleisch und Blut und hat ein pochendes Herz. In zwei Tagen kann ich dich in meine Arme schließen, das ist fantastisch! Ich hoffe, du wirst meine Sehnsucht stillen.“
„Ich liebe dich und Namibia, genau aus diesem Grund bin ich hier. Nun freue ich mich unendlich darauf, an deiner Seite den Zauber eures Landes aufs Neue zu entdecken. Danke für deine Bereitschaft, mit einem Harem auf Tour zu gehen.“
„Es wird mir Freude und Ehre zugleich sein! In Gedanken schließe ich dich schon ganz fest in meine Arme.“
Nach diesem Begrüßungstelefonat aßen wir mit den Kindern meiner Freundin, Gaby und Patrick, zu Abend, prosteten, plauderten und lachten. Von der Terrasse aus erlebten wir einen unfassbar farbenprächtigen Sonnenuntergang. „Schön ist eigentlich alles, was man mit Liebe betrachtet!“, resümierte ich.
Am nächsten Morgen strahlte der Sonnenplanet durch die Rolloschlitze des Gästezimmers und tauchte es in ein warmes Licht. Energiegeladen sprang ich in den Tag, ausgeruht, überglücklich und neugierig, wie zum Aufbruch in einen neuen Lebensabschnitt. Rosi empfing mich mit einem blumig gedeckten Kaffeetisch ebenso stimmungsfroh. „Herrlich, dass du hier bist. Ich mag es nicht, alleine zu sein und liebe gute Gesellschaft!“
„Machen wir uns also einen wundervollen Tag!“ „Wir werden das Stadtgetümmel auskosten, shoppen gehen und im Salon Ohle zur Verschönerung einkehren. Du wirst staunen, wie viel sich in den letzten zwei Jahren hier bewegt hat. Windhoek entwickelt sich zur Weltmetropole. Viele Schwarze haben endlich begriffen, was Bildung bedeutet, sie sind bereit, von uns zu lernen und streben nach einem Leben im Rampenlicht der Städte. Das gelingt ihnen aber nur, wenn sie sich von alten Sitten, Bräuchen und Kulturen losreißen. Wer im Busch hängen bleibt, hat kaum Chancen auf ein niveauvolles Dasein. 250000 Einwohner unserer Stadt sind europäischen Ursprungs und vorwiegend deutschsprachig. Wir haben bisher die Wirtschaft strukturiert und voran gebracht. Seit die Macht in schwarzen Händen liegt, glaubt man, dass sich vieles von selbst regelt, aber das ist ein Irrtum, den die Urafrikaner rasch erkennen müssen, bevor ausländische Investoren alles aufkaufen.“
„Das klingt ja besorgniserregend!“
Dann ging es bergab in die City. Den BMW stellte Rosi auf dem Geschäftsparkplatz ab. Wir wünschten ihren Kindern und den Angestellten einen schönen Tag und wurden auf die Schnelle chick gestylt. Kundendienst pur!
Großstadtflair! Im Zentrum von Windhoek wurde man sich fast überall des deutschen Einflusses bewusst, besonders in Bezug auf Architektur und Einkaufskultur. Als wir durch die ehemalige Kaiserstraße flanierten, staunte ich nicht schlecht. „Wow, Aufschwung an sämtlichen Ecken und Enden. Diese gewaltigen Bauten, die wie Pilze aus der Erde schießen, zeugen aber schon von Fortschritt. Prunkbanken, Kaufhäuser, Imbissketten und Restaurants, genau wie bei uns.“, stellte ich begeistert fest.
Im Menschengedränge tummelten sich ein Dutzend einheimischer Kulturen, deren Sprachgewirr die Luft erfüllte. Sinnend schickte ich meine Bewunderung einer stolz daher schreitenden Herrerofrau nach, die trotz der Hitze ihre üppige Tracht präsentierte. Im Gegensatz dazu eilten recht modisch gekleidete Schwarzafrikaner an uns vorüber. Keinerlei Anzeichen von Armut oder Ausgrenzung waren zu spüren. „Hier bin ich ja fast zu Hause!“, frohlockte ich. „Der Schein trügt. Nicht nur Medizin schmeckt bitter, auch das Leben vieler Einheimischer ist oft gallebitter.“, belehrte mich die Freundin.
Die Sonne war bereits ein riesiger goldener Ball, der über dem Himmel glühte, als wir wieder im Ohlereich ankamen. Terrassensträucher und Bäume brachen das Licht und spendeten Schatten. Naturformationen erschienen bunt, grenzenlos und berauschend, ebenso wie dieses Namibia.
Mittwochmorgen, der Safari-Countdown nahm seinen Lauf. Mein Erlebnisfieber stieg enorm an. Heute würde ich Hanna, Geschäftsfrau von Format und Mia, das Powerweib, in meine Namibialiebe hautnah einschließen können. Und dann kam da noch Carl Salomon, der mir schon am Telefon entgegen posaunt hatte: „Liebes Glück, ich komme!“
Mit gemischten Gefühlen sah ich der Konstellation unseres Abenteuerteams entgegen. „Würde Carl zwischen drei Vollblutdamen die Balance finden? Kann er es schaffen, sein körperliches Begehren, das auf mich abzielte, in den Hintergrund zu stellen? Gib dem Leben und der Liebe eine Chance!“, riet mein Bauchgefühl.
„Zur Feier des Tages verwandeln wir die Terrasse in eine Partymeile, Mark und Patrick können sich um das Holz für den Grill kümmern und den Rest erledigen wir!“, ließ Rosi verlauten.
Gesagt getan, alles war empfangsbereit hergerichtet, als in der Mittagszeit das Safariteam aus Swakop eintrafen. Wir gaben uns locker leicht der Wiedersehensfreude hin und plauderten in alter Vertrautheit über das, was hinter uns lag, gemeinsame Erinnerungen sowie neue Erwartungen. Dabei gab es viel zu lachen. Hanna, Mia, Rosi, Carl und auch ich waren für ein neues Namibiawagnis bereit.
Mein Herzbube verhielt sich recht engagiert und kehrte den Gentlemen heraus, denn schließlich gingen wir nicht auf Liebestour. Er hatte sich bereit erklärt, vier Frauen zu begleiten. Eine wahre Herausforderung, denn jede von uns besaß Charme, hatte Humor, trachtete nach Lebensfreude und hatte eine gesicherte Existenzgrundlage. Das traf natürlich auch für Carl zu.
Unser gemeinsames Schicksal, verwitwet zu sein, hatte uns irgendwie zusammengeführt und in freundschaftliche Bande verschlungen. Es passte, wir wurden rasch ein vertrautes Trüppchen, das außerordentlich safarifreudig war.
Rosi, die kaum alternde Schönheit, deren Blondschopf von einer roten unübersehbaren Haarsträhne raffiniert gestylt war, erregte stets Aufsehen. Ihr kontaktfreudiges und warmherziges Wesen zog jeden in ihren Bann, besonders mich.
Auch unsere Hanna besaß Strahlkraft, war eine Frau von Format und bevorzugte trendige Looks. Mit ihren klugen Augen blickte sie stets scharfsinnig in die Welt. In „Nels Immobilien“ stand sie ihren Kindern tatkräftig zur Seite. Oft erzählte sie uns, mit wieviel Geduld sie ihre schwarzen Angestellten auf Trab bringen musste.
Mia war Motor und Respektsperson, couragiert, unerschrocken und geschäftstüchtig. Was sie anpackte, das brachte sie auch zu Ende. Nach dem Unfalltod ihres Mannes hatte sie ihr großes Anwesen verkauft und sich ein schickes Häuschen im Wüstenland bauen lassen.
Carl, die Manneskraft in unserer Mitte, im besten Alter und vermögend, hätte jede Frau mit seiner Sanftmut, Intelligenz, Ausstrahlung und viel handwerklichem Geschick um den Finger wickeln können. Sein Format hatte sich in mein Herz geschrieben. Auf liebenswerte Art hatte er bereits beim Nachmittagskaffee angedeutet, dass er uns bis an das Ende der Welt chauffieren würde.
Als Hanna und Mia, unsere Organisatorinnen, das Programm genauestens vorstellten, begannen meine Sinne zu vibrieren, denn für mich war alles neu, was wir vorhatten.
„Ich habe Barbara versprochen, sie von ganz Namibia küssen zu lassen. Der Norden wird dich ebenso verzaubern wie das, was du schon kennengelernt hast.“, betonte Carl.
Wir prosteten auf Freundschaft, Begegnungsglück, Vergnügen und Safarieevents. Dann kam Trubel auf, denn Gaby, Patrick und Hannas Sohn Mark gesellten sich zu uns. Fleisch, Brot und Salate waren angerichtet, die Getränke gut gekühlt und wir in bester Stimmung. Das Brayfest konnte beginnen.
Nun gaben wir uns ganz dem Genuss von Oryxsteaks, Burenwurst und Fleischspießen hin. Das duftete nicht nur lecker, sondern schmeckte auch vorzüglich, zart und saftig. Unsere Grillspezialisten brüsteten sich damit, Meister dieses Faches zu sein.
„Man sieht euch ja an, dass ihr ein leckeres Stück Fleisch zu jeder Tageszeit verputzen könntet!“, scherzte ich, denn beide trugen ein paar Pfund zu viel mit sich rum. Aber ihr gutes Benehmen und das gepflegte Äußere bestimmten ihr Erscheinungsbild. Patrick war ein talentierter Friseurmeister, der das Geschäft seine Eltern erfolgreich weiterführte. Er besaß Geschick und Humor. Mark dagegen verdiente sein Geld im Bankgewerbe. Als sie aus ihrer gemeinsamen Kinderheit erzählten und Späße von der Schulbank zum Besten gaben, schnellte die Stimmung hoch. Wir johlten, bei dem Versuch, ihr Schwanenseeballett-Stück von einst zur Aufführung zu bringen, das damals zum Elternabendprogramm gehörte. Welch ein amüsantes Erlebnis für alle. Man musste echt darüber staunen, wie viel Grazie noch in ihren Bewegungen steckte. Fazit: „In Namibia frönt man der Familie, Geselligkeit und dem Frohsinn ebenso wie in Deutschland!“
„Und doch ist bei uns vieles anders geworden. Die Kriminalität ist nach der Apartheid rapide angestiegen, auch wenn man das vertuscht. Schwarze kommen aus dem Busch und glauben, für sie tut sich ein neues Reich auf, ohne zu begreifen, dass Wohlstand erarbeitet werden muss. Oft reißen sie mit Gewalt Besitz an sich, um an Reichtum zu kommen. Einige Farmer der Umgebung sind auf ominöse Weise ums Leben gekommen. Wir haben in Windhoek schon eine Bürgerwehr gegründet, um unseren Stadtteil zu beschützen.“, berichtet Patrick mit Betroffenheit.
„So werden schwarze Wüstenträume zu Staub!“, betonte Rosi.
„Auf geht’s!“, mit diesen Worten schwang sich Carl am nächsten Morgen auf den Fahrersitz unseres Safari-Kleinbusses. Mia, als versierte Copilotin und Reiseleiterin, platzierte sich auf dem Beifahrersitz. Sie kannte diese Strecke. Die beiden anderen Afrikadamen blockierten die zweite Sitzbank und ich machte mich ganz ungestört in der dritten Reihe breit. Damit war die Sitzordnung festgelegt. Als alles verstaut war, starteten wir von Windhoek aus Richtung Norden nach Grootfontein, erlebnisfreudig und bestens gestimmt.
„Vier starke Frauen, ein gestandener Mann, alle im besten Alter, lebenserfahren und vom Schicksal gehärtet, wer könnte wohl dieses Team aus der Bahn werfen?“, unkte Hanna.
„Niemand natürlich!“, ertönte ein Chorgesang.
„Namibias Vielfalt erlebt man stets aufs Neue. Küsten mit zahllosen Traumstränden, Buschland, bizarre Hochgebirge, fruchtbare Täler, Trockensavannen, Wüstenspiele und die einzigartige Tierwelt werden wir entdecken, erkunden und bestaunen können.“,frohlockte Carl.
„Die Getränke- und Lunchbox sind gefüllt, alle Übernachtungen sind reserviert und die Reisekasse ist bestens bestückt. Nun kann uns nichts mehr aufhalten!“, versicherte Hanna.
Unsere Erwartungen stiegen mit jedem Fahrkilometer und die Beobachtungen gestalteten sich immer interessanter. Die karge Kalkhügellandschaft wurde von Straßenhändlern aufgelockert, sie boten Essbares, Kunstvolles, aber auch Kitschiges an. Nach etwa 50 km säumten Bergketten unseren Weg. Eine Affenbande überquerte die Fahrbahn gestikulierend, Straßenbauarbeiten beeinträchtigten den Verkehrsfluss und ausgetrocknete Flussläufe hinterließen einen besorgniserregenden Eindruck.
Erneut Pavianbäume, ein Hupkonzert ließ die Tiere aufschrecken. Wir schmunzelten, von Affenliebe besessen. „So harmlos spaßig sind die gar nicht. Bis auf den Inhalt eines Kühlschranks haben sie schon in so mancher Lodges alles auf den Kopf gestellt!“, warnte Rosi.
Farmergebiet! Passkontrolle! Die Mittagshitze von 30°C hatte die Polizisten in den Trägheitszustand versetzt. Wir wurden durchgewunken.
„Okahandja, wir haben unser erstes Ziel bald erreicht, die Gegend wird kultivierter. Babsi, siehst du die Hochwasserbehälter, Stromleitungen und Bahndämme?“, agierte Mia.
Am Stadtrand wurden Baracken und Wohncontainersiedlungen sichtbar, eng behaust.
Namibiablumen flatterten im Wind und die Straßen belebten sich.
„Schaut mal nach rechts! Was ist denn da los!“, wollte ich wissen. „Schwarzendemo! Die haben mal wieder irgendwelche Forderungen, „Farmerland in schwarze Hand!“ Wie dieses bewirtschaftet wird, wissen sie oft gar nicht. So durcheinandergeweht schaut nämlich die Realität aus!“, bemerkte Carl.
Das Stadtzentrum, ein Zeitgeist der Moderne, Grünanlagen, Parkflächen, Straßenzüge, Einkaufsmeilen und ein reges Markttreiben färbten das Bild. „An diesen Ständen wird das leckerste Rindfleisch weit und breit feilgeboten. Vom Erzeuger auf den Tisch! In der Frühe herrscht hier Massenandrang, denn die vielen Restaurantbesitzer wollen mit gutem Essen punkten!“, erklärte Hanna.
Beeindruckt von so viel Kultur kam ich aus dem Staunen nicht mehr raus. „Wahnsinn, was es in dieser Stadt alles gibt. Dort ein Schulkomplex, nebenan das chinesische Shoppingcenter, hier ein Internetcafè und nun parken wir vor dem Spardiscounter!“ „Auch das ist Namibia!“, betonte Mia.
Nächstes Stadterlebnis! Otjwarongo überraschte mich mit ähnlichem Flair. Dort machten wir einen Imbiss- und Tankstopp. Hanna traf sogar einen Bekannten und verkündete stolz: „Hier bin ich geboren. Meine Großeltern hatten ein renommiertes Fotogeschäft. Es war damals das modernste in dieser Gegend mit Kameratechnik aus Deutschland.“ Darüber musste ich echt staunen.
Die Getränke waren gekühlt, die Burenwurst schmeckte echt lecker.Gut gestärkt trotzten wir der Mittagsglut und setzten unsere Fahrt fort. Schwarze chillten im Baumschatten, Tiere suchten sich ebenfalls ein Schattenplätzchen.
Die Farmen der Weißen unterschieden sich deutlich vom Farmerland der Schwarzen. Hier waren die Weideflächen parzelliert, umzäunt und mit Wasserbehältern ausgestattet. Da herrschte Wildwuchs, die Herden wurden von Viehtreibern bewacht und von Kameldornsträuchern zusammengehalten. Farmerhütten wurden neben fachwerkgeschmückten Farmerhäusern sichtbar. Ein Gegensatz, der unübersehbar war.
„Nach einem Gesetz aus dem Jahre 2015 dürfen Farmer ihren Besitz nur an echte Namibier weiterverkaufen.“, klärte mich Rosi auf. „Stört mich nicht, habe kein Interesse!“
„Unsere wahren Schätze liegen im Untergrund verborgen. Aber es fehlt das Geld für eine lukrative Fördertechnik. Deshalb gehören die meisten Minen ausländischen Investoren. In den Bergbauregionen werden Uran, Gold, Silber und Eisenerze zutage gefördert. Hier ist ein solches Abbaugebiet, gekennzeichnet durch Fördertürme, ausgebaute Straßen, Bahnlinien und Bungalowsiedlungen. Wer dort einen Job bekommt, kann auf der Sonnenseite des Lebens wandeln!“
Jetzt steuerten wir eine ganz besondere Sehenswürdigkeit an, den Hoba-Meteorit bei Grootfonteins. „Der ist mit seinen 60 Tonnen das schwerste Stück, das jemals vom Himmel geplumpst ist. Er besteht zu 82,3 % aus Eisen und der Rest ist aus Nickelgestein. Natürlich ein denkmalgeschützter Brocken!“, ließ Rosi verlauten.
Alle bestaunten, umkreisten und erkletterten den Koloss und schossen Erinnerungsfotos an diesem Pilgerort.
Mitten im Niemandsland stießen wir auf eine Farmoase. Hier hatte ein Schweizer seinen Traum von Freiheit und Abenteuer verwirklicht. Siggi, von Beruf Metzger, hatte sich ein eigenes Tierparadies durch moderne Bewässerungssysteme und das nötige Startkapital inmitten der Einöde geschaffen. Er, seine Großfamilie und die Gäste bewohnten ein prächtiges Farmerhaus mit Dreiseitenhofanlage, Pool, Bartheke und Liegewiese. Im Freigelände entdeckten wir noch eine Bungalowsiedlung, die kurz vor der Fertigstellung stand. „Das Touristengeschäft boomt. Die Welt schreit nach Namibia. Unser Fleisch ist ein Export- und Importschlager.“, prahlte er.
Nach Kaffee und Schokotorte durchstreiften wir das Tiergehege, ein Pfau blieb uns auf den Fersen. Die Zebras zeigten Zurückhaltung. Seine wohlgenährten Viehweiden säumten das beschauliche Anwesen.
Der Hausherr selbst servierte uns zum Abendessen ein XXL-Steak vom Feinsten, das einem förmlich auf der Zunge zerging. „Das Essen bereite ich selbst zu. Kochen zählt zu meinen Leidenschaften und Frauen übrigens auch. Wir sind ein reines Familienunternehmen. Die beiden Söhne kümmern sich um das Vieh, die Frauen und Mädchen um das Haus und ich sorge dafür, dass alles schmeckt und läuft.“
„Wie kommt denn ein Grazer nach Namibia?“, wollte Carl wissen. „Vor 15 Jahren bin ich mit der Familie ausgewandert. Unsere Ersparnisse reichten aus, um den Landbesitz zu erwerben. Du musst arbeiten können und Verstand haben, wenn du es hier zu was bringen willst!“
Dann machte er uns auf ein Großformat von Tierfoto aufmerksam. „Mein Prachtlöwe Baba, er hat zehn Jahre auf dieser Farm mit uns gelebt. Dann gab es einen Knall und er war tot. Mein Herz blutete, als ich ihn erschießen musste. Sein Wildtrieb war plötzlich durchgebrochen und er hat ein Zebra gerissen. Um Schlimmeres zu verhindern, musste er sterben!“
Wir verbrachten zwei aufregende Safaritage auf dieser Ranche, lernten einen weltoffenen Menschen und seine Geschichte kennen. Inzwischen hatte Siggi zwei Afrikafrauen und drei bunte Sprösslinge, die seine Familie bereicherten. Alle winkten uns beim Abschied zu.
„Drei Frauen, welch eine Aufgabe, welch ein Vergnügen!“, scherzte Carl.
Unsere Straße wurde bei der Weiterfahrt von vertrockneten Palmen gesäumt, die ein trauriges Bild abgaben. „Regen heißt das Gold Afrikas. Von diesem Segen sind Mensch und Tier zugleich abhängig.“, bemerkte Hanna.
Erneut Einöde! Hier und da tauchten unerwartet lustige Gestalten in Schuluniform mit Kanister auf dem Kopf auf. Ganz vereinzelt suchten sie ihre Wege.
„Sie laufen zu der nächsten Farmerschule, um ihrer Bildungspflicht nachzukommen, oder gehen schon arbeiten. Die Entfernungen sind oft endlos. Aber wer seinen Kindern eine bessere Zukunft bieten möchte, schickt sie zum Lernen. Als Belohnung für ihr Kommen werden die Behälter mit Wasser gefüllt. Mädchen beenden die Schule größtenteils vorzeitig, also ohne einen Abschluss, weil sie frühzeitig schwanger werden. So genau wird diese Pflichterfüllung nicht kontrolliert!“, bemängelte Rosi.
Himmelblau besiegte die Federwölkchen, 22° C gegen zehn Uhr am Vormittag. Wir zollten unser Mitleid den Straßenbauarbeitern, die sich körperlich total verausgaben mussten. Ihre Camps waren direkt am Fahrbahnrand erkennbar, wo der Staub Plastiktüten zerfetzt  und vertrocknetes Laub aufgewirbelt hatte.
„Hier bewegt sich einiges. Überall entstehen neue Verkehrsverbindungen nach europäischen Standards.“, erzählte Mia.
Warnschilder vor Muirani! Seuchenkontrolle! Wir mussten aussteigen und über eine Desinfektionsmatte watscheln. Ich stellte mich doof an und wollte die Schuhe ausziehen. Darüber schmunzelten alle.
Dieser Landstrich zeigte sich dünn besiedelt. Hier, da, dort und irgendwo eine Siedlung. Behausungen der primitivsten Art aus Schilf, Holz oder Blech, klein und selbst gezimmert. Das Tagesgeschehen spielte sich vor den Hütten ab. Die Alten rührten im Kochtopf über dem offenen Feuer, Frauen saßen im Sand und fertigten landestypischen Schmuck an, andere kamen am Straßenrand entlang, die Wasserkanister gekonnt auf dem Kopf balancierend. Kleinkinder kugelten im Sand und alte Männer bewachten das Vieh.
„Die Väter gehen in die Stadt, um das Geld für den Unterhalt zu verdienen. Das ist Namibia!“
Wir stoppen auf offener Straße, weil zwei Ziegenböcke mitten auf der Fahrbahn einen Kampf austrugen. Schaulustige Bockis und Esel standen im Abseits. Jetzt kamen uns ein paar klapprige Kuhkörper entgegen und überquerten im Schneckentempo die Piste. „Das Reich gehört den Tieren, sie haben sogar auf den Verkehrswegen Vorfahrt!“, scherzte Carl.
Eine neue Entdeckung fesselte mich. Halb verrostete oder ausgebrannte Fahrzeuge verunstalteten die Landschaft. Rechts und links der Fahrbahn einfach entsorgt. „In manchen Wracks haben Obdachlose ihr Domizil aufgeschlagen. Kein schöner Anblick!“, so Mia.
Die Welt dreht sich ständig, ebenso wie sich unsere Kulisse veränderte. Mit einem Mal wurde alles wieder zivilisiert, geordneter, wohlhabender und modern. Ansiedlungen mit Dorfidylle, Wohnbaracken, Geschäftshäusern, Basaren, Autoreparaturwerkstätten, Friseurbuden und sogar ein Handyshop präsentierten sich unseren Blicken.
„Kein Wasser, aber ein Handy und eine Colaflasche in den Händen!“, kritisierte ich.
Es wurde noch besser. Die ersten Radfahrer begegneten uns. Nirgendwo Müllhalden! Farbenfroh gekleidete Namibier kreuzten unseren Weg. „Hier scheint die Welt aber in geordneten Bahnen zu laufen!“.
„Auch das ist Afrika!“, lobte Hanna.
„Dieses Siedlerleben wird staatlich gefördert, man will die Stämme in Wohnsiedlungen menschenwürdig vereinen und ihnen eine geordnete Lebensweise beibringen. Dabei helfen Entwicklungsleute aus dem Ausland, vorwiegend in Mission. Viele sind dem Staat dafür dankbar. Es gibt aber auch Menschen, die die Zivilisierung ablehnen!“, klärte mich Rosi auf.
Reges Markttreiben! Hier und dort wurden Holzschnitzereien angeboten. Wir stoppten und begaben uns auf Souvenirsuche. Kaum geerdet, tauchte aus dem Gestrüpp ein zahnloser Greis auf. Er verstand uns nicht, erkannte aber eine Kaufabsicht und schrieb die Preise in den Sand. Plötzlich ein Gewimmel um uns herum. Kinder krochen wie Ameisen aus dem Buschwerk und beäugten uns mit bittenden Augen. Die Großen zogen die Kleinen hinter sich her. Exotisch strahlende Kindergesichter erwärmten unsere Herzen. „Ich laufe mal rasch zum Kofferraum und sehe nach, was noch an Erfrischungen und Süßigkeiten in der Box ist!“, ließ Mia verlauten. Mit Obst, Pepsi und Leckereien machten wir die Rasselbande überglücklich. Wir verteilten, was vorrätig war und kamen in Bedrängnis, als die Kinderschar von Minute zu Minute wuchs. Letztendlich ergriffen wir die Flucht, als unsere Gaben erschöpft waren.
Wenige Kilometer weiter animierten uns Obstverkäufer zum Anhalten. „Hier gibt es ja Pampelmusen. Die mag ich, lasst uns welche mitnehmen, frisch und gesund!“ „Diese Früchte sind landestypisch und wachsen hier wild. Sie enthalten viele Vitamine und haben schon so manchen Hunger bekämpft. Es gibt auch Saft von diesen Afrikaorangen!“, ließ mich Hanna wissen. Wie es schien, war der Boden hier sehr fruchtbar, sattgrüne Wiesen, fette Rinder und Obstanbau, dank dem Okavango-Fluss.
„Dieses Gewässer, trennt Namibia von Angola ab. Momentan ist das Flussbett gut gefüllt. Davon hängt es ab, ob die Weideflächen grünen oder vertrocknen, ob die Tiere gedeihen oder verdursten.“, so Mia.
„Welcome Rundy!“, empfing uns ein großes Schild. Die Vorstadt war von schwarzer Wohnkultur geprägt, die Metropole von Rundy beeindruckte mit europäischem Flair. Obwohl das Zentrum reizend war und vor Geschäftigkeit nur so summte, wirkten die Schwarzensiedlungen verkommen und staubig. Eine grau durchsetzte Vorstadtatmosphäre, die trostlos auf mich wirkte. Der Autoverkehr rollte, Hochhausgiganten ragten gen Himmel und Reklameflimmern blendete uns im Sonnenlicht. Typische schwarz weiß Kontraste!
In meinem Inneren stapelten sich viele offene Fragen auf: „Wie kommen die Kinder voran, die zur Schule gehen und Analphabeten-Eltern haben? Wo kommt das Schulgeld her, wenn diese Buschbewohner mal gerade so viel besitzen, wie zum Überleben notwendig ist? Woher nehmen diese Ovambos ihre Zufriedenheit?“
Carl entgegnete: „Die Jungen schaffen es nur, wenn sie ihre Hütten verlassen! Für begabte Schüler gibt es Fördergelder oder Spenden. Den Frohsinn schöpfen die Menschen aus ihrer Mentalität und den geringen Ansprüchen. Sie halten an Traditionen fest und leben im Einklang mit der Natur, das macht sie glücklich.“
„Bewundernswert diese Einheimischen, sie singen oft und gerne. Ihr Gesang klingt inbrünstig, geradezu sanft, in gedämpften Tönen, die eine innere Ruhe ausstrahlen.“, ergänzte Hanna.
Jetzt hatte ich begriffen, dass diese Schwarzen nicht mein Mitleid verdienten, sondern den Respekt. Und nun empfand ich die Reise durch das Ovamboland nicht mehr als eine Fahrt durch die Finsternis. Ich betrachtete diese Lebensumstände als gewolltes Schicksal. „So ist Namibia: Wunderschön schwarz-weiß und facettenreich!“, rundete Mia meine Gedanken ab.
Aber das Mädchenproblem ging mir trotzdem nicht aus dem Kopf. Genug zu essen zu haben, kostenlos zur Schule zu gehen und gleichwertige Bildungschancen zu haben, war bei uns eine Selbstverständlichkeit. Hier waren Mädchen eindeutig benachteiligt. Sie bekamen wenig Aufmerksamkeit, mussten härter im Haushalt schuften und wurden häufig Opfer von Gewalt. Genitalverstümmelung und Frauenhandel krönten die Diskriminierung. Für mich ein unvorstellbarer Zustand.
Mia riss mich aus dem Grübeln. „Das nächste Namibia-Wunder erwartet uns, Popa-Falls, ein Besuchermagnet, denn Wasserfälle sind bei uns schon Naturwunder. Dieses wurde zum Ausflugsziel ausgebaut und zieht gerade in den Trockenperioden viele Neugierige an.“
Parkähnlich hatte man das Domizil mit einem Hauch von Luxus angelegt. Wir relaxten erst im Liegestuhlbereich und lauschten dem Plätschern des Wassers. Danach stürmten wir die Sonnenterrasse und nahmen einen kleinen Imbiss. „Was für eine Wonne in dieser Hitze!“
Nachdem wir unsere Akkus aufgeladen hatten, fuhren wir entlang des Okawangoflusses weiter. Das Land wurde zusehends fruchtbarer und von endlos vielfältigen Tierherden besetzt gehalten. „Für die Menschen, die hier angesiedelt sind, bedeutet der Fluss Leben, denn er nährt das Weideland, die Tiere und Siedler.“, so Carl.
„Warst du schon einmal auf einer Riverlodges?“, fragte Rosi. „Ich kenne nur Campingplätze an Seenplatten und Flussläufen, wie Elbe, Rhein und Main, an denen man viele Wassersportmöglichkeiten hat.“ „Na dann wirst du staunen über das, was uns jetzt erwartet. Tier- und Wasserfaszination pur!“
„Wenn wir Richtung Norden reisen, dann machen wir hier stets einen Zwischenstopp, um die Einmaligkeit von Natur und Kultur genießen zu können!“, versicherten mir die Namibia-Freunde einstimmig.
Das machte mich neugierig. Welch ein Wasserparadies würde mich wohl erwarten? Mitten im Wohnviertel der Afrikaner befand sich die Omarum Gemelodge, natürlich separat und eingezäunt. Ich tauchte regelrecht in eine unbekannte fantastische Welt ein, in der sich Schwarze und Weiße harmonisch ergänzten.
Bereits im Empfangsbereich herrschte reges Treiben. Es wurde an vielen Ecken gebaut und gewerkelt. Gäste wurden verabschiedet und willkommen geheißen. Frauen kamen uns voll bepackt mit Spar-Einkaufstüten entgegen. Eine Kinderschar spielte auf einem Sandplatz Fußball. Die Tore wackelten bei jedem Schuss: Marke Eigenbau!. Der Bewegungsspaß stand den Jungen ins Gesicht geschrieben. Dazu fiel mir spontan ein Gedichtvers ein: „Ein deutsches Kind, ein türkisches Kind, ein afrikanisches Kind, ein Indianerkind drücken beim Spielen die Hände in Lehm. Nun geh‘ und sag‘, welche Hand ist von wem? (nach Hans Baumann).“
Wenige Metern später tauchte das Tor zur River Lodges auf.Die runden Türme zu beiden Seiten der Einfahrt, die flachen weißen Mauern, die sich links und rechts an die Tore schlossen und sich abgrenzend in die Landschaft streckten, wirkten majestätisch. Alles in Weiß gehalten, was zum fetten Grün des Okavangodeltas unter blauem Himmel beinahe zu einem surealem Kunstwerk wurde.
Alex, der Lodgechef, trat uns freundschaftlich entgegen: „Na, auch mal wieder hier? Herzlich willkommen! Wer einmal hier war, kommt immer wieder. Ich mache jeden Aufenthalt zum Event. Entspannen, Erleben, Entdecken, unter diesem Motto steht unser Programm, das keine Wünsche offen lässt.“
Umarmungen, Willkommensdrink und Einweisungen folgten seinen Worten. Unsere Quartiere waren teils als Pfahlbauten oder Bungalows angelegt, über Wasser oder unter schattenspendenden Bäumen. Staunend bemerkte ich: „Himmlisch romantisch! Ich bin total baff von dieser Lage und dem Luxus, der uns umgibt. Hier haben wir den Himmel auf Erden!“
„Wie wahr!“, bekräftigte Carl und trug mich über die Türschwelle unseres Zweierquartiers. „Wenn ihr ausgestaunt habt, können wir an der Überwasserbar einen Drink nehmen!“, drängelte Mia.
Das Restaurant, in schwindelnder Höhe über dem River, war echt der Hammer. Mit einem Rock Chanty in der Hand schwebten wir über dem Okawango, gekrönt von einer gigantischen Kulisse.
„Die beeindruckendste Naturbühne der Welt, die ich je betreten habe. Schaut mal nach unten, da tummeln sich Krokodile und Flußpferde, gerade so, als würden sie unsere Gesellschaft suchen. Und da drüben erst, da inszeniert der River-Zirkus für uns eine Extravorstellung. Ich glaube, ich träume!“
Wie gebannt starrte ich in diese Kulisse und ließ mich vom Zauber des Augenblicks überwältigen. „Einfach umwerfend dieses Tagkino für Europäer, was? Unser Namibia ist einzigartig mein Schatz und wir Menschen natürlich auch!“, frohlockte Carl. „Dafür liebe ich euch ja!“, schluchzte ich mit Freudentränen, die ungewollt zu Tröpfeln begannen
Für dieses Kompliment bekam ich von meinem Herzbuben einen dicken Kuss.

Das Ambiente beim Abendessen hätte man mit fünf Gourmetsternen bewerten können. Schwäne aus Damast-Servietten zierten jeden Platz.

Auf den Tischen erhellten Zebra- und Elefantenfiguren, in Solarlampen stehend, die einsetzende Dämmerung. Über uns der Sternenhimmel, unter uns das Rauschen des Wassers und auf dem Tisch ein vorzügliches Viergänge-Menü, das uns majestätisch serviert wurde. Die erlesenen afrikanischen Gaumenfreuden wurden durch Südafrikaweine zum Hochgenuss.
Ich hätte fast sentimental werden können in dieser Traumwelt, herzte meine Freundinnen und prostete mit Carl auf unser Liebesglück. „Ist das wirklich das Hier und Jetzt? Dass das Leben so aufregend schön sein kann, wird mir hier fast täglich bewusst. Tausend Dank dafür, dass ihr mit mir in eure phantastischen Naturschönheiten eintaucht!“, gestand ich tief bewegt.
 

 Lasst euch vom Lebensgefühl Namibias verzaubern!

  


  

















Ich lade euch herzlich ein, am 20.02.2018 um 19.00 Uhr in der Stadtbibliothek Heiligenstadt meine Gäste zu sein.